Manch­mal sträu­ben sich mir echt die Nacken­haa­re, wenn ich so man­ches Erleb­nis von Ihnen, unse­ren Kli­en­ten, erzählt bekom­me, bei dem wie­der ein­mal das Unver­ständ­nis zum Aus­druck kommt, das Men­schen mit Behin­de­rung immer noch in unse­rer Gesell­schaft ent­ge­gen­ge­bracht wird. So vor ein paar Tagen:

In einem Tele­fo­nat berich­te­te mir eine Man­dan­tin, dass Sie sich wegen des bevor­ste­hen­den Kran­ken­haus­auf­ent­hal­tes in eben der genann­ten Ein­rich­tung vor­ge­stellt habe und im Gespräch dann auch ansprach, dass Sie mit einer per­sön­li­chen Assis­ten­tin auf­ge­nom­men wer­den wol­le.

Das ist mög­lich, seit im Jahr 2009 das Gesetz zur Rege­lung des Assis­tenz­be­darfs im Kran­ken­haus erlas­sen wur­de. Dar­in ist fest­ge­legt, dass Men­schen mit Behin­de­rung, die ihre per­sön­li­che Assis­tenz im Arbeit­ge­ber­mo­dell orga­ni­sie­ren, ihre Assis­ten­ten ins Kran­ken­haus mit­neh­men kön­nen und die dafür erfor­der­li­chen Kos­ten über­nom­men wer­den.

Der auf­neh­men­de Kran­ken­haus­mit­ar­bei­ter hat­te im geschil­der­ten Fall von die­sem Gesetz wohl noch nichts gehört, denn er schau­te die vor ihm sit­zen­de Roll­stuhl­fah­re­rin mit gro­ßen Augen an und bemerk­te: „Aber Sie sind doch kein Kind mehr.“ Die Dame nahm es gelas­sen und mit Humor. Das ist wohl das bes­te in einem sol­chen Fall.

Den­noch macht es natür­lich Sinn, dass per­sön­li­che Assis­ten­ten auch im Kran­ken­haus die 1:1 Betreu­ung ihrer Arbeit­ge­ber in Per­sön­li­chen Bud­get über­neh­men. Das hat dann auch der erwähn­te Mit­ar­bei­ter ein­ge­se­hen, denn schon für den Tag der Auf­nah­me waren ver­schie­de­ne Unter­su­chun­gen in unter­schied­li­chen Gebäu­den auf dem Kli­nik­ge­län­de vor­ge­se­hen. — Und einen Roll­stuhl­fah­rer sind ers­tens die Ent­fer­nun­gen anders ein­zu­schät­zen und zwei­tens lie­gen auf dem Weg meist noch nicht ohne frem­de Hil­fe zu über­win­den­de Schwel­len oder Bord­stein­kan­ten.

In man­chen Fäl­len kann die Anwe­sen­heit per­sön­li­cher Assis­ten­ten sogar über­le­bens­not­wen­dig sein, wenn näm­lich das Drü­cken der Not­ruf­klin­gel nicht ohne frem­de Hil­fe mög­lich oder die stän­di­ge Über­wa­chung des Atem­ge­räts not­wen­dig ist.

Das Gespräch mit einer Mut­ter, von dem mir ein Kol­le­ge berich­te­te, kam mir wie­der in den Sinn. Sie berich­te­te näm­lich, dass Ihrem Kind die Mit­nah­me sei­ner Assis­ten­ten ver­wei­gert wor­den sei und sie des­halb not­ge­drun­gen sehr viel Zeit im Kran­ken­haus ver­brin­gen muss­te, da ihr Kind in der unge­wohn­ten Umge­bung unter frem­dem Men­schen sehr unru­hig war.

Mein per­sön­li­ches Fazit: Es hat sich schon viel getan in Deutsch­land, um die gleich­be­rech­tig­te Teil­ha­be von Men­schen mit Behin­de­rung am gesell­schaft­li­chen Leben zu ermög­li­chen. Aber oft ist das Wis­sen um die vor­han­de­nen Rege­lun­gen noch nicht dort­hin gelangt, wo es Grund­vor­aus­set­zung für das not­wen­di­ge gegen­sei­ti­ge Ver­ständ­nis sein soll­te.

Des­halb bin ich froh, bei der pror­o­ba assi­stant zu arbei­ten: ers­tens ler­ne ich per­sön­lich unend­lich viel über die Mög­lich­kei­ten für Men­schen mit Behin­de­rung und fri­sche damit mein All­ge­mein­wis­sen auf und zwei­tens kann ich mei­nen Bei­trag dazu leis­ten, dass das sich gegen­sei­ti­ge Ver­ständ­nis von Men­schen mit und ohne Behin­de­rung zukünf­tig wei­ter ver­bes­sert.

Text: Brit­ta Som­mer
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