Der quer­schnitts­ge­lähm­te Sven bekommt Besuch aus dem Welt­all von einem Wel­ten-Hüp­fer namens 111. Das ist der Beginn einer Freund­schaft, die Anders­sein zulässt und gleich­zei­tig the­ma­ti­siert. Eine Fort­set­zungs­ge­schich­te für Kin­der und Erwach­se­ne.

Ich darf mit­kom­men“, sag­te der blaue Wel­ten-Hüp­fer, noch bevor er die Hän­de, die er schüt­zend vor sein Gesicht gehal­ten hat­te, absenk­te.

Sven sah 111 mit weit auf­ge­ris­se­nen Augen an. „Was machst du denn so früh hier?“

Ich darf mit auf den Kar­ne­vals­zug“, sag­te 111. „Mei­ne Eltern haben es mir erlaubt.“

Sven griff mit bei­den Hän­den an die Räder sei­nes Roll­stuhls und begann damit, sich lang­sam auf den Wel­ten-Hüp­fer zuzu­be­we­gen. „Das ist super! Aber es beant­wor­tet mei­ne Fra­ge nicht wirk­lich. War­um bist du so früh hier? Du hast Glück, dass nie­mand bei mir ist. Eben ist mei­ne Mut­ter aus dem Zim­mer gegan­gen, nach­dem sie mei­ne Haus­auf­ga­ben über­prüft hat­te.“

Tja, Glück muss man halt zwi­schen­durch auch mal haben“, ant­wor­te­te 111 ent­spannt. Dann wur­de sein Blick erns­ter. „Ich  bin so früh gekom­men, weil ich mit mei­nen Eltern auf Sala­xier ver­rei­se. Ich wer­de zwei Wochen nicht kom­men kön­nen.“

Oh nein“, ent­fuhr es Sven. Sei­ner Stim­me war zu ent­neh­men, wie trau­rig die­se Nach­richt ihn mach­te.

Du bist mein aller­bes­ter Freund im gan­zen Uni­ver­sum. Ich wer­de dich auch ver­mis­sen. Und es ist ganz fest ver­spro­chen, dass ich bald wie­der zu dir gehüpft kom­me.“

Wirk­lich?“, frag­te Sven unsi­cher.

Ganz wirk­lich! Ich gebe dir das blauste Ehren­wort im gan­zen Uni­ver­sum dar­auf.“ 111 hob sei­ne blaue rech­te Hand zum Schwur empor.

Bei­de lächel­ten sich an. Dann ergriff der Wel­ten-Hüp­fer wie­der das Wort. „Hat­test du schö­ne Träu­me die­se Nacht von Sala­xier?“

Oh ja, die hat­te ich.“ Sven gab mit sei­nen Hän­den den Rädern sei­nes Roll­stuhls einen kräf­ti­gen Ruck in die ent­ge­gen­ge­setz­ten Rich­tun­gen. Der Roll­stuhl dreh­te sich dadurch auf der Stel­le.

Cool!“, ent­fuhr es 111 aner­ken­nend.

Das ist noch gar nichts. Ich stu­die­re gera­de einen Roll­stuhl­tanz ein. Das wird dann erst rich­tig cool.“

Oh“, platz­te es aner­ken­nend aus 111 her­vor. „Zeigst du ihn mir mal?“

Nicht jetzt, aber irgend­wann auf jeden Fall. Dann wer­de ich dabei mei­ne coo­len Turn­schu­he tra­gen und natür­lich mei­ne neue Base­ball­müt­ze, die mir mein Vater vor kur­zem geschenkt hat.“ Wäh­rend Sven das sag­te, führ­te er mit sei­nen Armen die typi­schen Bewe­gun­gen eines Hip-Hop­pers aus.

111 nick­te wie­der aner­ken­nend. „Ja, ich bekom­me lang­sam eine Ahnung davon, wie das alles aus­se­hen könn­te. Wir kön­nen danach ja auch mal zusam­men einen Tanz ein­stu­die­ren und den drau­ßen beim Stra­ßen­kar­ne­val auf­füh­ren.“

Das, mein blau­er Freund, wird dann erst rich­tig, rich­tig cool.“ Zu den tan­zen­den Armen beweg­te sich nun auch Svens Kopf in rhyth­mi­schen Bewe­gun­gen.

Ok, ihr auf der Erde sag­te in sol­chen Momen­ten glau­be ich, dass ihr einen Deal habt.“ Nun fing auch 111 lang­sam an, sich rhyth­misch zu bewe­gen.

Bei­de Jun­gen fin­gen an zu lachen. Dann ließ sich 111 in den Schnei­der­sitz nie­der. „Lei­der muss ich gleich schon wie­der weg. Mei­ne Eltern haben mir nur kurz erlaubt, mich von dir zu ver­ab­schie­den und dir noch ganz schnell vom blau­en Glas­pa­last der Köni­gin von Sala­xier zu berich­ten.“

Oh, dan­ke, das ist super! Rich­te dei­nen Eltern mei­nen Dank aus.“

Das wer­de ich machen. Also höre gut zu. Ich habe nur wenig Zeit. Das Zen­trum von Sala­xier ist die Stadt aus blau­em Glas der Köni­gin. Sie liegt im nörd­lichs­ten Punkt von Sala­xier und lässt sich in ihrer Voll­kom­men­heit nur mit einem blau­en Dia­man­ten ver­glei­chen. Die Haut der Köni­gin besteht aus dem schöns­ten Blau von ganz Sala­xier. Nur sie besitzt es. Viel­leicht ist das auch der Grund, war­um sie nicht zu altern scheint. Alle Wel­ten-Hüp­fer ken­nen sie nur mit die­ser jugend­li­chen Aus­strah­lung.“

Wow“, ent­fuhr es Sven. Hast du sie schon ein­mal per­sön­lich getrof­fen?“

Unmit­tel­bar nach der Geburt wer­den alle Wel­ten-Hüp­fer zur Köni­gin der Stadt aus blau­em Glas gebracht. Alle Wel­ten-Hüp­fer ver­sam­meln sich aus die­sem Anlass dort.“

Das heißt“, sag­te Sven nach­denk­lich, „dass  dein Volk sich bei der Köni­gin alle 99 Jah­re ver­sam­melt.“

Ganz genau. Und alle Wel­ten-Hüp­fer kom­men. Nicht einer bleibt fern. Alle zie­hen in einer lan­gen Wel­ten-Hüp­fer-Ket­te auf die Stadt aus blau­em Glas zu. Ganz vor­ne an der Spit­ze gehen die Eltern des neu­ge­bo­re­nen Wel­ten-Hüp­fers.“

Der ers­te Neu­ge­bo­re­ne seit 99 Jah­ren“, sag­te Sven lei­se.

Ganz genau. Und dann betre­ten sie gemein­sam die Stadt aus blau­em Glas. Schon von wei­tem ist der rie­si­ge kris­tall­blaue Turm zu sehen, in dem die Köni­gin lebt. Je höher man zum Turm hin­auf­blickt, umso mehr macht es den Ein­druck, dass er nur aus dia­mant­blau­em Licht zu bestehen scheint. Die gan­ze Stadt und der Turm sind spi­ral­för­mig kon­stru­iert. Nie­mand weiß, wer ihn erschaf­fen hat. Er war ein­fach schon immer da, sagen die Ältes­ten, wenn sie nach dem Turm und der Stadt gefragt wer­den. Genau wie die Köni­gin, die hoch oben im dia­mant­blau­en  Licht herrscht. Sobald alle Wel­ten-Hüp­fer die unters­te Spi­ral­platt­form betre­ten haben, beginnt sie, sich nach oben zur Köni­gin zu dre­hen. Ganz lang­sam schraubt die Spi­ra­le die Wel­ten-Hüp­fer nach oben. Ganz lang­sam tau­chen alle immer mehr in das ein­zig­ar­ti­ge dia­mant­blaue Licht des könig­li­chen Turms ein. Nach eini­ger Zeit, die nie­mand mes­sen kann, ste­hen alle im direk­ten Licht der Köni­gin. Wun­der­schön ist sie anzu­se­hen und sie ist es, die die letz­ten Schrit­te auf den neu­ge­bo­re­nen Wel­ten-Hüp­fer zumacht. Bei ihm ange­kom­men, legt sie ihre bei­den zar­ten Hän­de auf den Kopf des Neu­ge­bo­re­nen. Das blau­dia­man­te­ne Licht scheint dadurch in das Kind zu drin­gen. Die leuch­ten­de Kraft der Augen, wie sie auch in den mei­nen zu erken­nen ist, ent­steht dabei, genau wie die Fähig­keit, sofort spre­chen zu kön­nen, damit wir im Alter von einem Jahr alle 8.888 Namen für die ver­schie­de­nen Blau­tö­ne, die unse­re Welt so schön macht, ken­nen­ler­nen kön­nen. Nur ein Blau hat kei­nen Namen. Das Blau der Köni­gin. Das gan­ze Erleb­nis ist so vol­ler Wun­der und vol­ler Ener­gie, dass es nie­mand ver­gisst. Auch ich kann mich an alles erin­nern, obwohl ich erst eine Woche alt war.“

Wow“, ent­fuhr es Sven erneut. „Davon will ich die­se Nacht träu­men.“

Tue das, mein farb­lo­ser Freund. Ich muss jetzt wie­der nach Hau­se.“

Wohin ver­reist du mit dei­nen Eltern?“, frag­te Sven schnell.

Davon berich­te ich dir, wenn ich in zwei Wochen wie­der vor­bei­ge­hüpft kom­me.“ Kurz lächel­te er Sven zu. „Bis bald, mein farb­lo­ser Freund.“

Bis bald, mein blau­er Freund“, ant­wor­te­te Sven lächelnd.

Hui, hui, hui, ich hüp­fe zu den Wel­ten. Hui, hui, hui, wo geht die Rei­se hin? Hui, hui, hui, ich hüp­fe zu den Wel­ten. Hui, hui, hui, nun geht es aber erst mal wie­der heim.“

Mit dem zehn­ten Teil des Wel­ten­hüp­fers endet vor­erst die Geschich­te des quer­schnitts­ge­lähm­ten Sven und sei­nen blau­en Freund mit dem Namen 111. Das pror­o­ba-Team bedankt sich ganz herz­lich für die posi­ti­ve Reso­nanz und die schö­nen Zeich­nun­gen, die uns per Post erreich­ten. Eines Tages wird es eine Fort­set­zung geben, denn schließ­lich wol­len wir alle wis­sen, wie die bei­den gemein­sam Kar­ne­val erle­ben wer­den.

Bis zur Fort­set­zung wünscht Euch das Team von pror­o­ba eine fan­ta­sie­vol­le Zeit. Wenn Ihr Lust habt, könnt Ihr uns auch eige­ne Ide­en und eige­ne Geschich­ten mit Bil­dern zum Wel­ten­hüp­fer zusen­den. Wir wer­den Sie ger­ne auf unse­rem Blog ver­öf­fent­li­chen.

 

Text und Idee: Frank Mül­ler
Foto: J. Stum­pe