Der quer­schnitts­ge­lähm­te Sven bekommt Besuch aus dem Welt­all von einem Wel­ten-Hüp­fer namens 111. Das ist der Beginn einer Freund­schaft, die Anders­sein zulässt und gleich­zei­tig the­ma­ti­siert. Eine Fort­set­zungs­ge­schich­te für Kin­der und Erwach­se­ne.

Svens Eltern waren gera­de dabei, die Zim­mer­tü­re ihres Soh­nes zu schlie­ßen, als der jun­ge Wel­ten-Hüp­fer in sei­ner typi­schen Lan­de­hal­tung wie aus dem Nichts in Svens Zim­mer erschien. Reflex­ar­tig leg­te Sven den Zei­ge­fin­ger sei­ner rech­ten Hand an die Lip­pen, um sei­nem blau­en Freund ein Zei­chen zu geben, dass er unbe­dingt ganz lei­se sein muss. Der Wel­ten-Hüp­fer ver­stand sofort und hielt sich bei­de blau­en Hän­de vor den Mund, damit ihn noch nicht ein­mal sein Atem ver­ra­ten könn­te.

Ist alles in Ord­nung?“, frag­te die von Svens Ges­te irri­tier­te Mut­ter durch den Tür­spalt.

Ja, ja, alles ist gut“, ant­wor­te­te Svens so schnell er nur konn­te. „Mei­ne Lip­pen haben nur kurz gejuckt. Alles ist in bes­ter Ord­nung.“ Über­trie­ben auf­fäl­lig rieb er sich im Anschluss über sei­nen Mund.

Die Zim­mer­tür schloss sich dar­auf­hin ganz.

Sven ließ sei­ne Hand vom Mund auf sei­ne Brust sin­ken und atme­te erleich­tert durch. „Das war knapp“, flüs­ter­te er 111 zu.

111 ließ nun sei­ner­seits die Hän­de vom Mund und stemm­te sie seit­lich gegen die Hüf­ten. „Wenn wir nicht flüs­tern müss­ten, hät­te ich geant­wor­tet, dass man das laut sagen kann. Puh, das war echt knapp!“ Kurz schüt­tel­te er sich und schien damit auch das gesam­te The­ma abzu­schüt­teln. „Was macht das Stu­di­um der Kunst?“

Sven schüt­tel­te lächelnd den Kopf. „Stu­di­um der Kunst. Ich habe doch nur ein Bild von mei­nem Aben­teu­er­baum gemalt …“

Und genau das kommt einem Stu­di­um der Kunst gleich“, unter­brach ihn 111. „Glau­be mir, mein farb­lo­ser Freund! Wir Wel­ten-Hüp­fer ken­nen uns da aus wie kei­ne ande­re Lebens­form im gesam­ten Uni­ver­sum.“

Sven lach­te kurz laut auf. „Ups“, ent­fuhr es ihm. Dann sag­te er im Flüs­ter­ton: „Wir müs­sen heu­te unbe­dingt dar­auf ach­ten, lei­se zu sein. Bis mei­ne Eltern sich spä­ter etwas im Fern­se­hen anse­hen, lau­fen sie noch eine gan­ze Zeit lang den Flur an mei­nem Zim­mer ent­lang. Um die­se Uhr­zeit sind mei­ne Eltern irgend­wie hyper­ak­tiv.“

Hyper­ak­ti­ve Eltern in Sachen Kon­trol­le ken­ne ich auch“, sag­te 111. Dabei mach­te er eine Hand­be­we­gung, als wenn er die­ses The­ma am liebs­ten in eine Müll­ton­ne wer­fen woll­te.

Sven lach­te wie­der. Die­ses Mal aber lei­se. „Und?“, frag­te er sei­nen blau­en Freund, „Gab es ges­tern noch Ärger, weil du zu spät gekom­men bist?“

Kurz ver­zog der Wel­ten-Hüp­fer sei­ne Mund­win­kel so, dass jedem Betrach­ter klar wur­de, dass es ziem­li­chen Ärger gege­ben hat­te. „Sagen wir mal so“, ant­wor­te­te er zögernd, „es dau­er­te schon ein wenig, bis mei­ne Mut­ter kei­ne dunk­le Zor­nes­bläue mehr auf­wies.“

Sven unter­drück­te sein Lachen mit Hil­fe sei­ner Decke. „Mei­ne Eltern ent­wi­ckeln hin und wie­der eines Zor­nes­rö­te.“

Harm­los“, ent­geg­ne­te 111. „Zor­nes­bläue ist die ein­zi­ge Far­be im gesam­ten Uni­ver­sum, die wirk­lich besorg­nis­er­re­gend ist! Glau­be mir ein­fach, mein farb­lo­ser Freund. Ein Wel­ten-Hüp­fer weiß stets, wovon er redet.“ Kurz hielt er inne. Dann frag­te er: „Hast du heu­te ein But­ter­brot im Ange­bot? Ich woll­te mal etwas Farb­lo­ses als Spei­se aus­pro­bie­ren.“

Sven grins­te breit. „Lei­der nicht, aber für mor­gen besor­ge ich dir etwas, ver­spro­chen. Was isst du denn so an far­bi­gen Spei­sen auf dei­nem Pla­ne­ten?“

Heu­te Mit­tag habe ich eine Tüte vol­ler kna­cki­ger dun­kel­blau­er Pom­mes mit kris­tall­blau­er Soße extra­scharf geges­sen.“ Der Wel­ten-Hüp­fer leck­te sich genuss­voll mit sei­ner blau­en Zun­ge über sei­ne blau­en Lip­pen. Er schien wie­der Appe­tit auf dun­kel­blaue Pom­mes zu ent­wi­ckeln.

Blaue Pom­mes und blaue Soßen gibt es bei euch?“ Sven sah sei­nen Freund über­rascht an.

Bei uns ist alles blau, ein­fach alles. Aber es gibt vie­le Tau­sen­de ver­schie­de­ne Blau­tö­ne.  Was rede ich da nur, es gibt Hun­dert­tau­sen­de von Blau­tö­nen, nein, es gibt Mil­lio­nen. Und natür­lich hat jeder Blau­ton eine eige­ne Bezeich­nung. Erst wenn Wel­ten-Hüp­fer-Kin­der alle Blau­tö­ne unter­schei­den kön­nen, dür­fen sie ihren ers­ten Hüp­fer auf eine ande­re Welt unter­neh­men.“

Bist du dir sicher, dass es Mil­lio­nen von unter­schied­li­chen Blau­tö­nen in dei­ner Welt gibt?“, frag­te Sven kri­tisch.

Viel­leicht sind es auch nur ein paar Tau­send“, ant­wor­te­te 111 mit schnip­pi­schem Unter­ton. Sven grins­te wie­der breit.

111 schien das The­ma wech­seln zu wol­len, denn er frag­te: „Gibt es auf der Erde auch blaue Lebens­mit­tel?“

Sven atme­te kurz tief aus. „Auf Anhieb fällt mir kei­nes ein. Aber es gibt Lebens­mit­tel­far­be, mit der man Essen ein­fär­ben kann. Soll ich dir mor­gen ein blau­es Essen machen? Einen Pud­ding oder so?“

Der jun­ge Wel­ten-Hüp­fer schüt­tel­te ver­ständ­nis­los den Kopf. „Über­all im Uni­ver­sum das glei­che. Außer bei uns scheint es nir­gend­wo deli­ka­te blaue Lebens­mit­tel zu geben. Das scheint mir doch eines der eigen­ar­tigs­ten Rät­sel in der Unend­lich­keit der Gala­xie zu sein. Ob es je gelöst wer­den wird? Wer weiß?“ Nach einer kur­zen Pau­se füg­te er hin­zu: „Nein, du brauchst mir kei­ne blaue Spei­se zuzu­be­rei­ten. Ich bin neu­gie­rig auf eine Kost­pro­be eures farb­lo­sen Essens.“

Hast du eine Geschich­te zum The­ma Essen? Eine von dei­nen Rei­sen zu frem­den Wel­ten?“ Sven sah sei­nen Freund neu­gie­rig an.

Oh ja“, ant­wor­te­te 111 amü­siert. Ich kann dir eine Geschich­te erzäh­len, als ich 88 hieß. Dich wird die­se Geschich­te bestimmt erhei­tern. Ich hin­ge­gen fand die­ses Erleb­nis ein­fach nur wider­lich.“

Und war­um?“, frag­te Sven nach.

Na, weil wir Wel­ten-Hüp­fer die größ­ten Fein­schme­cker im Uni­ver­sum sind. Wenn ich mir das gan­ze blau­lo­se Essen im Uni­ver­sum anse­he, dann den­ke ich manch­mal, dass wir Wel­ten-Hüp­fer die ein­zi­ge Lebens­form sind, die wirk­lich etwas vom Essen ver­ste­hen.“

Und die bei dei­nem 88. Sprung ver­stan­den wohl gar nichts vom Kochen?“, frag­te Sven.

Für ihre beschei­de­nen Ver­hält­nis­se wahr­schein­lich schon. Das Pro­blem bestand auf die­sem Pla­ne­ten weni­ger im Feh­len von Koch­kunst oder im Feh­len von blau­en Spei­sen, son­dern in die­sem sehr eigen­wil­li­gen Ess­be­steck.“

Eigen­wil­li­ges Ess­be­steck?“, frag­te Sven ver­wun­dert. „Von so etwas habe ich ja noch nie was gehört.“

Trös­te dich“, sag­te 111. „Im gan­zen Uni­ver­sum gibt es nur einen Ort, wo es eigen­wil­li­ges Ess­be­steck gibt. Und ich Fein­schme­cker sprin­ge nicht nur an die­sen Ort, son­dern auch noch mit­ten in eine gro­ße Fei­er hin­ein.“

Sven zog sei­ne Decke zurecht und signa­li­sier­te damit, dass er bereit war, der Geschich­te zu lau­schen.

Also, wie ich schon ange­deu­tet habe, lan­de­te ich bei mei­nem 88. Sprung mit­ten in einer rie­si­gen Fei­er. Ich stand dort in mei­ner gewohn­ten Lan­de­po­si­ti­on und sah vor mir Ber­ge von Essen. Obwohl alle Spei­sen blau­los waren, muss ich zuge­ben, dass alles sehr schön und appe­tit­lich auf einer nicht enden wol­len­den Tisch­rei­he auf­ge­baut war. Es schien, als ob in die­ser gewal­ti­gen Hal­le nichts als Tische mit Ber­gen von Essen wären. Ver­wun­dert hat­te ich mich umge­se­hen, als plötz­lich eine Glo­cke ertön­te. Nicht laut, aber den­noch gut hör­bar. Und dann ging es los.“

Was ging los?“, frag­te Sven.

Die gewal­tigs­te Essens­schlacht, die es wohl je im Uni­ver­sum gege­ben hat.“

Eine Schlacht ums Essen? Ich den­ke, da gab es Ber­ge von Essen.“ Sven sah 111 ungläu­big an.

Die Bewoh­ner dort, sie mach­ten von ihrer Klei­dung her einen wirk­lich wohl­erzo­ge­nen Ein­druck, kämpf­ten in dem Sinn auch nicht um das Essen, son­dern sie wur­den von ihrem Ess­be­steck sozu­sa­gen zu die­sem Essens­kampf gezwun­gen.“

Von Löf­feln wur­den die zum Essen gezwun­gen?“ Svens Blick wur­de immer ungläu­bi­ger.

In der Tat, mein farb­lo­ser Freund. In der Tat. Auf die­sem Pla­ne­ten lie­gen die Din­ge der Ernäh­rung nun ein­mal so. Wirk­lich sehr gut aus­ge­bil­de­te Köche berei­ten ein­mal am Tag für alle Bewoh­ner die­ses Pla­ne­ten ein wirk­lich könig­li­ches Mahl zu. Die­ses wird schön deko­riert in die­ser rie­si­gen Hal­le auf den Tischen auf­ge­baut.“

Das hört sich doch gut an. Irgend­wie prak­tisch, wenn immer für einen könig­lich gekocht wird.“ Sven schien kurz einen Berg mit sei­nen Lieb­lings­spei­sen in sei­ner Fan­ta­sie ent­ste­hen zu las­sen.

So weit, so gut. Aber wie gesagt, sind die Löf­fel und die Gabeln auf die­sem Pla­ne­ten das Pro­blem. Die ent­schei­den näm­lich, was geges­sen wird und nicht der Appe­tit des Ein­zel­nen.“

Ich könn­te mit einem Löf­fel von die­sem Pla­ne­ten also nicht ein­fach Milch­reis essen, wenn ich Hun­ger auf ihn hät­te?“, woll­te Sven wis­sen.

Ganz genau. Der Löf­fel wür­de ent­schei­den, was er dir in den Mund schiebt und was nicht.“

Das ist natür­lich nicht so gut“, sag­te Sven nach­denk­lich.

Nicht so gut?“, platz­te es 111 empört her­aus. „Das dürf­te die Unter­trei­bung des Jahr­tau­sends im gesam­ten Uni­ver­sum gewe­sen sein. Es ist schlicht eine Kata­stro­phe. Die armen Bewoh­ner dort muss­ten sich näm­lich beim Betre­ten der Hal­le einen Löf­fel und eine Gabel aus Behäl­tern am Ein­gang neh­men. Dann muss­ten sich alle mit ihrem Ess­be­steck bewaff­net in eine Rei­he vor den Tischen auf­stel­len und auf das Glo­cken­si­gnal war­ten. Mit dem Glo­cken­schlag ging es dann los. Die Bewoh­ner wur­den dann von ihren Gabeln und Löf­feln zu den Tischen wie Magne­te gezo­gen. Dort tauch­ten die Ess­be­stecke dann in die Kuchen, in die Sup­pen, in die Ein­töp­fe, in die Fleisch- und Fisch­ge­rich­te, ein­fach in alles, was das Ess­be­steck so woll­te. Egal, was es auch war, die­sen Wesen, die Nasen in Koch­topf­form hat­ten, blieb nichts ande­res übrig, als das zu essen, was ihnen ihr Besteck anbot, weil sie sonst hun­gern muss­ten. Und so stand manch einer vor lecke­ren Ber­gen der ver­schie­dens­ten Pud­dings­or­ten und bekam aber nur Erb­sen­ein­topf gefüt­tert. Ande­re hat­ten Appe­tit auf Fisch­stäb­chen und muss­ten Hafer­flo­cken essen. Es war ein ein­zi­ges Durch­ein­an­der. Ver­stärkt wur­de die­ses Durch­ein­an­der auch noch dadurch, dass die Bewoh­ner natür­lich immer zu den Gerich­ten lie­fen, auf die sie Appe­tit hat­ten. Das Besteck woll­te aber woan­ders hin. Und so kämpf­ten Besteck und Bewoh­ner regel­recht mit­ein­an­der. Über­all flog Essen her­um. Die schö­ne Klei­dung der Bewoh­ner war in kür­zes­ter Zeit von Essens­res­ten über­sät. In den Haa­ren, in den Gesich­tern, auf dem Boden, an den Wän­den, ein­fach über­all waren Spu­ren vom Essen zu fin­den. Und dann die­ser Lärm. Flu­chen­de Bewoh­ner, laut schmat­zen­de Bewoh­ner. Tische, die mit­samt der Essens­ber­ge in die­sem Tumult umstürz­ten … Es war ein ent­setz­li­cher Anblick.“

Ich hät­te mich kaputt­ge­lacht.“ Sven lag breit grin­send in sei­nem Bett.

Das habe ich mir fast gedacht. Ich aber bin Fein­schme­cker. Inner­halb weni­ger Minu­ten war ein könig­lich ange­rich­te­tes Fest­mahl ver­wüs­tet. Ein Bild des Jam­mers. Und alles nur, weil die­ses Ess­be­steck so stur ist und kei­ne Rück­sicht auf den Appe­tit die­ser armen Bewoh­ner nimmt. Schlimm, wirk­lich ganz schlimm.“

Ich fin­de die Geschich­te immer noch lus­tig. Ich kann mir die­se Essens­schlacht rich­tig gut vor­stel­len. Hof­fent­lich träu­me ich heu­te davon.“

Dann tue das, mein farb­lo­ser Freund ohne Ess­kul­tur“, sag­te 111 mit einem Augen­zwin­kern. Dann ging er leicht in die Hocke und nahm sei­ne blau­en Hän­de schüt­zend vor sein Gesicht. „Hui, hui, hui, ich hüp­fe zu den Wel­ten. Hui, hui, hui, wo geht die Rei­se hin? Hui, hui, hui, ich hüp­fe zu den Wel­ten. Hui, hui, hui, jetzt geht es aber erst mal wie­der heim.“

Idee und Text: Frank Mül­ler

Fort­set­zung folgt nächs­ten Frei­tag