Der quer­schnitts­ge­lähm­te Sven bekommt Besuch aus dem Welt­all von einem Wel­ten-Hüp­fer namens 111. Das ist der Beginn einer Freund­schaft, die Anders­sein zulässt und gleich­zei­tig the­ma­ti­siert. Eine Fort­set­zungs­ge­schich­te für Kin­der und Erwach­se­ne.

Na, so schlecht habe ich dich ja noch nie lan­den sehen. Ist dei­ne Nase jetzt gelb?“ Besorgt sah Sven den auf dem Boden lie­gen­den Wel­ten-Hüp­fer an.

Das wür­de mir gera­de noch feh­len“, war die schlecht­ge­laun­te Ant­wort. Lang­sam rich­te­te sich 111 nach sei­ner Bauch­lan­dung auf.

Sven betrach­te­te sei­nen blau­en Freund ein­ge­hend.

Und?“, frag­te 111. „Ist mei­ne Nase zu allem Über­fluss auch noch gelb?“

Sven schüt­tel­te den Kopf. „Nein“, sag­te er nach kur­zem Zögern. „Es sieht alles ganz in Ord­nung aus. Was ist denn mit dir los? Du wirkst so ner­vös.“

Der jun­ge Wel­ten-Hüp­fer mach­te zwei gro­ße Schrit­te auf sei­nen Freund zu und ließ sich ent­kräf­tet neben ihn auf das Bett sin­ken. Dabei ach­te­te er dar­auf, die Bei­ne sei­nes quer­schnitt­ge­lähm­ten Freun­des nicht zu ver­schie­ben. „Ach, mein farb­lo­ser Freund“, sag­te er bedäch­tig, „ich bin ja so froh, bei dir zu sein. Es war ein furcht­ba­rer Tag heu­te. Und er ist noch lan­ge nicht zu Ende. Ich habe kaum Zeit mit­ge­bracht. Im Grun­de genom­men, bin ich nur kurz vor­bei gehüpft, um dir zu sagen, dass ich heu­te kei­ne Zeit habe. Ich woll­te nicht, dass du dir Sor­gen machst.“

Das ist nett! Wirk­lich! Ich hät­te bestimmt nicht schla­fen kön­nen, wenn du heu­te nicht gekom­men wärst. Was ist denn los?“ Sven deck­te sei­nen blau­en Freund mit der Decke etwas zu.

Ein Groß-Groß-Groß-Groß-Onkel von mir, der ges­tern noch den Namen 9.999 hat­te, woll­te heu­te unbe­dingt 10.000 hei­ßen und unter­nahm des­halb einen spon­ta­nen Sprung. Furcht­bar, es ist alles so furcht­bar.“

Erzähl! Was ist mit 9.999 pas­siert?“ Sven nahm die Hand von 111 und drück­te sie fest.

Er heißt doch jetzt 10.000. Aber das nur neben­bei bemerkt. Um das Haupt­the­ma, das Aus­maß der Kata­stro­phe, zu ver­ste­hen, musst du wis­sen, dass wir Wel­ten-Hüp­fer sehr viel Wert auf unser blau­es Äuße­res legen. Ein Haupt­be­stand­teil davon ist die Pfle­ge unse­rer Haa­re und natür­lich das Fri­sie­ren.“

Mir ist schon auf­ge­fal­len, dass dei­ne blau­en Haa­re immer so toll lie­gen. Wie ein rich­ti­ges Kunst­werk sehen dei­ne Haa­re aus und immer wie­der anders. So viel Mühe wür­den sich auf der Erde nur Frau­en machen. Män­ner nur sel­ten.“ Sven berühr­te eine der Sträh­nen vor­sich­tig und betrach­te­te die fei­ne Flecht­ar­beit genau­er.

Bei uns geben sich alle sehr viel Mühe mit ihren blau­en Fri­su­ren. Auch mein Groß-Groß-Groß-Groß-Onkel hat sich immer die größ­te Mühe gege­ben. Wir Wel­ten-Hüp­fer kom­men schließ­lich weit her­um und wol­len einen her­vor­ra­gen­den Ein­druck hin­ter­las­sen. Du musst außer­dem noch wis­sen, dass mit zuneh­men­dem Alter den Wel­ten-Hüp­fern immer mehr und mehr Haa­re wach­sen, die immer län­ger und län­ger wer­den, so dass im Lau­fe vie­ler Sprün­ge wirk­li­che Kunst­wer­ke ent­ste­hen. Die ganz alten unter den Wel­ten-Hüp­fern tra­gen rich­tig gefloch­te­ne Hüte aus ihren Haa­ren. Je grö­ßer und schö­ner der blaue Haar-Hut ist, umso grö­ßer ist das Anse­hen des Wel­ten-Hüp­fers.“

Und gehört dein Groß-Groß-Groß-Groß-Onkel zu den ange­se­he­nen Wel­ten-Hüp­fern?“, frag­te Sven inter­es­siert.

Er gehör­te“, war die kur­ze Ant­wort.

Hat er etwa sei­nen blau­en Haar-Hut wäh­rend sei­nes 10.000. Sprung ver­lo­ren?“, frag­te Sven ent­geis­tert.

Das nicht, aber du bist mit dei­ner Ver­mu­tung ziem­lich nah dran. Der blaue, gefloch­te­ne Haar-Hut mei­nes Groß-Groß-Groß-Groß-Onkels ist so platt wie ein dün­nes blau­es Blatt Papier.“ 111 schloss ent­kräf­tet sei­ne Augen.

So platt wie eine Papier­sei­te? Wie geht das denn?“ Sven drück­te an einer von 111 gefloch­te­nen Haar­sträh­nen und ver­such­te, sie platt­zu­drü­cken. „Wie soll man denn so star­kes Haar platt­ge­drückt bekom­men? Das geht doch gar nicht. Noch nicht ein­mal eine dei­ner Sträh­nen wür­de man platt wie ein Stück Papier bekom­men. Und einen gan­zen Haar-Hut erst recht nicht.“ Sven ver­such­te nun mit bei­den Hän­den, eine von 111 gefloch­te­nen Haar­sträh­nen platt zu drü­cken. Doch egal wie er sich auch anstreng­te – es ging ein­fach nicht.

Gib dir kei­ne Mühe“, sag­te der erschöpf­te jun­ge Wel­ten-Hüp­fer. Wir Wel­ten-Hüp­fer haben nicht nur die blaus­ten Haa­re im gan­zen Uni­ver­sum, son­dern wohl auch die kräf­tigs­ten Haa­re. Unse­re Fri­su­ren zu rui­nie­ren, ist in der Tat annä­hernd aus­ge­schlos­sen. Bis ges­tern dach­ten wir Wel­ten-Hüp­fer sogar, dass es völ­lig aus­ge­schlos­sen wäre, unse­re Haar­pracht zu zer­stö­ren. Doch der 10.000. Sprung mei­nes Groß-Groß-Groß-Groß-Onkels hat ihn auf einen Pla­ne­ten ver­schla­gen, wo die Zer­stö­rung sei­ner Haar­pracht, wo die Zer­stö­rung sei­nes gan­zen Anse­hens inner­halb weni­ger Augen­bli­cke statt­fand. Bis jetzt haben wir noch kei­nen Weg gefun­den, den ent­stan­de­nen Scha­den wie­der rück­gän­gig machen zu kön­nen. Aus allen Tei­len des Uni­ver­sums strö­men die klügs­ten und erfah­rens­ten und ältes­ten und ange­se­hens­ten Wel­ten-Hüp­fer her­bei, um mit Rat und Tat zur Sei­te zu ste­hen. Doch bis jetzt hat nichts gehol­fen. Mein Groß-Groß-Groß-Groß-Onkel und sei­ne Frau wei­nen nun schon seit Stun­den bit­te­re, dicke blaue Trä­nen.“

Die bei­den tun mir rich­tig leid“, sag­te Sven vol­ler Mit­leid. „Ich weiß aber immer noch nicht genau, was eigent­lich pas­siert ist. Ich mei­ne, wie bekommt man so dickes Wel­ten-Hüp­fer- Haar platt­ge­drückt wie ein Stück Papier?“

Indem man mit sei­nem über vie­le tau­send Sprün­ge erwor­be­nen blau­en Haar-Hut zwi­schen zwei grün-gelb-gestreif­te hüp­fen­de Ele­fan­ten­po­pos gerät.“ 111 hielt wäh­rend sei­ner Erzäh­lun­gen wei­ter­hin die Augen fest ver­schlos­sen.

Grün-gel­be Ele­fan­ten­po­pos? Und die hüp­fen auch noch? Wo soll es denn so was geben?“ Sven starr­te ver­wun­dert sei­nen blau­en Freund an.

Wir Wel­ten-Hüp­fer geben kei­nen Pla­ne­ten­na­men und kei­ne Namen der Bewoh­ner aus daten­schutz­recht­li­chen Grün­den an. Es muss dir also genü­gen, wenn ich dir sage, dass es die­sen Pla­ne­ten mit den grün-gelb-gestreif­ten Ele­fan­ten gibt und dass die­se Ele­fan­ten hüp­fen.“

Unglaub­lich“, warf Sven ein.

Es kommt noch unglaub­li­cher, mein farb­lo­ser Freund“, sag­te völ­lig ermat­tet 111. „Die Ele­fan­ten auf die­sem Pla­ne­ten hüp­fen auch noch rück­wärts.“

Rück­wärts hüp­fen­de Ele­fan­ten mit grün-gelb-gestreif­ten Popos? Du willst mich rein­le­gen?“ Sven schnips­te belus­tigt mit sei­nem Zei­ge­fin­ger unter das Kinn von 111.

111 öff­ne­te die Augen und griff nach der Hand sei­nes Freun­des. „Nein, ich will dich nicht rein­le­gen. Mein Groß-Groß-Groß-Groß-Onkel ist untröst­lich. Er weint sich sei­ne blau­en Augen aus sei­nem blau­en Gesicht. Mit so etwas wür­de ich nie spa­ßen. Kein Wel­ten-Hüp­fer wür­de mit so etwas spa­ßen.“

Schon gut, ich glau­be dir ja, dass du es ernst meinst, aber rück­wärts hüp­fen­de Ele­fan­ten sind doch sehr sel­ten, oder nicht? Und wie haben die  Popos die Fri­sur platt wie ein Stück Papier gemacht?“

111 schloss wie­der die Augen. „Mein Groß-Groß-Groß-Groß-Onkel erzähl­te, dass er wie in den 9.999 Sprün­gen zuvor alle Sorg­falt wal­ten ließ. Das bedeu­tet, dass er die Knie leicht gebeugt hat­te und die Hän­de schüt­zend vor sein Gesicht aus­ge­streckt hat­te, damit er sich kei­ne …“

Gel­be Nase holt“, warf Sven ein.

Ganz genau“, bestä­tig­te 111. „Er hol­te sich ja auch kei­ne gel­be Nase, son­dern einen plat­ten blau­en Haar-Hut.“

Zwi­schen zwei Ele­fan­ten­po­pos“, sag­te Sven. In sei­ner Stim­me schwang Belus­ti­gung mit.

Unter­drü­cke bit­te jeden Ansatz von Lachen, Sven. Für euch Men­schen mag dies eine lus­ti­ge Geschich­te sein, für uns Wel­ten-Hüp­fer ist sie eine Tra­gö­die. Sei also bit­te mit­füh­lend.“

Okay“, sag­te Sven.

Mein Groß-Groß-Groß-Groß-Onkel lan­det also auf die­sem Pla­ne­ten und im sel­ben Augen­blick sto­ßen unmit­tel­bar über ihm zwei grün-gelb-gestreif­te Ele­fan­ten­po­pos zusam­men. Und zwi­schen die­sen Popos war unglück­li­cher­wei­se der blaue Haar-Hut mei­nes Groß-Groß-Groß-Groß-Onkels.“ Der jun­ge Wel­ten-Hüp­fer atme­te tief durch.

Sven sah sei­nen Freund an und über­leg­te kurz. „Und was pas­sier­te dann?“, frag­te er.

Was soll schon noch pas­siert sein? Die bei­den grün-gelb-gestreif­ten Ele­fan­ten­po­pos pral­len durch die Wucht wie­der aus­ein­an­der und hüp­fen rück­wärts in ande­re Rich­tun­gen wei­ter. Mein Groß-Groß-Groß-Groß-Onkel stand unter­des­sen für eini­ge Augen­bli­cke wie ver­stei­nert da, bis er begriff, dass sein lie­be­voll gepfleg­ter blau­er Haar-Hut nur noch so platt wie ein Stück blau­es Papier war. In sei­nem Schreck sah er sich noch kurz auf die­sem Pla­ne­ten um. Über­all sah er nur rück­wärts hüp­fen­de grün-gelb-gestreif­te Ele­fan­ten, die immer wie­der gegen­ein­an­der oder gegen ande­re Din­ge stie­ßen, weil die Ele­fan­ten ja nicht nach hin­ten an ihren dicken Popos vor­bei­schau­en konn­ten.“

Gegen was für ande­re Din­ge sto­ßen die Ele­fan­ten auf die­sem Pla­ne­ten denn da so?“, woll­te Sven wis­sen.

Na zum Bei­spiel gegen bunt gestreif­te Bäu­me, gegen bunt gestreif­te Fel­sen, gegen alles, was auf die­sem Pla­ne­ten halt bunt gestreift ist. Und mein Groß-Groß-Groß-Groß-Onkel sag­te, dass dort alles bunt gestreift sei und platt wie blau­es Papier.“

Alles ist platt wie Papier“, platz­te es aus Sven her­vor.

Alles. Im Lau­fe der Ent­wick­lung die­ses Pla­ne­ten sind wohl alle Din­ge auf die­sem Pla­ne­ten irgend­wann ein­mal zwi­schen zwei hüp­fen­de grün-gelb-gestreif­te Ele­fan­ten­po­pos gekom­men und waren von die­sem Zeit­punkt an platt wie ein Stück blau­es Papier.“

Wahn­sinn! Alles ist platt wie Papier?“

Ja, alles, außer der grün-gelb-gestreif­ten Ele­fan­ten halt und die hüp­fen und hüp­fen und hüp­fen.“

Sven drück­te die Hand sei­nes Freun­des. „Hof­fent­lich lan­dest du nie auf die­sem Pla­ne­ten.“

Ja, hof­fent­lich bleibt mir ein sol­ches Schick­sal erspart. Da lobe ich mir doch eure Erde. Zwar seid ihr alle irgend­wie ein wenig farb­los, aber wenigs­tens macht ihr die Fri­su­ren der Wel­ten-Hüp­fer, die euch besu­chen, nicht platt.“

Sven begann, ver­gnügt zu lachen.

Du sollst doch ernst blei­ben.“

Sven lach­te lei­se wei­ter.

Der jun­ge Wel­ten-Hüp­fer fing sofort mit an zu lachen. „Mein Groß-Groß-Groß-Groß-Onkel sieht ja schon irgend­wie lus­tig aus. Die­ser rie­si­ge, plat­te, blaue Haar-Hut ist wirk­lich nicht zu über­se­hen. Was jetzt nur noch fehlt, wäre, dass er eine gel­be Nase hat.“

Der Wel­ten-Hüp­fer und Sven fin­gen laut an zu lachen.

Was lachst du denn so?“, hör­ten die bei­den Svens Vater rufen. „Du sollst doch schon längst schla­fen“, füg­te Svens Mut­ter hin­zu.

Ich muss zurück. Mal sehen, ob die Fri­sur mei­nes Groß-Groß-Groß-Groß-Onkels geret­tet wer­den kann“, sag­te 111 im Flüs­ter­ton. Dann erhob er sich vom Bett und mach­te sich zum Hüp­fen bereit. „Hui, hui, hui, ich hüp­fe zu den Wel­ten. Hui, hui, hui, wo geht die Rei­se hin? Hui, hui, hui, ich hüp­fe zu den Ster­nen. Hui, hui, hui, nun geht es aber erst mal wie­der heim.“

Idee und Text: Frank Mül­ler

Fort­set­zung folgt nächs­ten Frei­tag