Der quer­schnitts­ge­lähm­te Sven bekommt Besuch aus dem Welt­all von einem Wel­ten-Hüp­fer namens 111. Das ist der Beginn einer Freund­schaft, die Anders­sein zulässt und gleich­zei­tig the­ma­ti­siert. Eine Fort­set­zungs­ge­schich­te für Kin­der und Erwach­se­ne.

Dies­mal hat Hil­ke (10) mit Ihrem phan­ta­sie­vol­len Bild die Illus­tra­ti­on zur Geschich­te gelie­fert. Das Team von pror­o­ba dankt ganz herz­lich! — Und natür­lich freu­en wir uns sehr über wei­te­re Bild-Zusen­dun­gen unter pror­o­ba, Hil­de­brand­str. 4f in 40215 Düs­sel­dorf. Kenn­wort: Wel­ten-Hüp­fer

Sven strich die über­schüs­si­ge grü­ne Far­be vom Pin­sel am Rand des Was­ser­gla­ses ab. Dann setz­te er behut­sam den Pin­sel an und begann, gedul­dig Blatt für Blatt aus­zu­ma­len. So einen tol­len Baum habe ich noch nie gemalt, ging es ihm durch den Kopf. Es waren gut und ger­ne hun­dert Blät­ter, die er noch grün aus­ma­len muss­te. Und der Pin­sel muss­te dabei mit ganz ruhi­ger Hand geführt wer­den. Eigent­lich hat­ten sol­che fei­nen Arbei­ten, die viel Geduld erfor­der­ten, frü­her nicht zu Svens Stär­ken gehört. Noch vor einem Jahr hat­te er  es am liebs­ten, wenn alles schnell ging. Die Quer­schnitts­läh­mung, die durch den Bade­un­fall ent­stan­den war, hat­te ihn nicht nur kör­per­lich ver­än­dert, son­dern auch in sei­nem Wesen.  Er leb­te und fühl­te mit viel mehr Auf­merk­sam­keit als vor sei­nem Unfall. Und des­halb nahm er sich für alles um ihn her­um auch mehr Zeit. Schon vie­le Stun­den hat­te er in die­ses Bild inves­tiert. Hoch­kon­zen­triert saß er in sei­nem Roll­stuhl vor sei­nem Schreib­tisch und führ­te den Pin­sel mit ruhi­ger Hand. Er woll­te sein Kunst­werk auf kei­nen Fall durch eine Nach­läs­sig­keit rui­nie­ren. Es soll­te der per­fek­te Aben­teu­er­baum wer­den. Im Gar­ten hin­ter dem Haus war er noch vor einem Jahr regel­mä­ßig auf sei­nen Lieb­lings­baum geklet­tert. Damit war es nun für immer vor­bei. Sei­ne Eltern hat­ten Sven aber ange­bo­ten, ihm ein Aben­teu­er­haus mit einem Auf­zug in sei­nen Lieb­lings­baum zu bau­en. Alles, was sie dazu brauch­ten, so hat­ten sie ihm gesagt, sei ein guter Plan. Und an dem saß Sven nun. Nur mit einer Ände­rung: Er woll­te kei­nen guten Plan malen, son­dern einen per­fek­ten. Und so mal­te er Blatt für Blatt mit viel Auf­merk­sam­keit und Sorg­falt aus.

Gera­de als Sven wie­der ein­mal den Pin­sel in die grü­ne Far­be tunk­te, lan­de­te 111 in sei­nem Zim­mer.

Ver­wun­dert sah Sven ihn an. „Du bist heu­te aber früh. Da hast du aber Glück gehabt. Vor fünf Minu­ten war mei­ne Mut­ter hier und hat­te mir ein But­ter­brot gebracht.“ Mit dem Pin­sel zeig­te Sven kurz auf einen lee­ren Tel­ler auf dem Schreib­tisch.

Dem Wel­ten-Hüp­fer war deut­lich anzu­se­hen, dass er dar­über nach­dach­te, was ein But­ter­brot wohl sein könn­te. Wirk­lich inter­es­sie­ren tat es ihn aber offen­sicht­lich nicht, weil er nicht um eine Erklä­rung bat. Statt­des­sen wink­te er kurz ab und sag­te: „Wir bekom­men heu­te Besuch von ande­ren Wel­ten-Hüp­fern. Des­halb bin ich schon jetzt auf einen Hüp­fer vor­bei­ge­kom­men und habe des­halb heu­te auch nicht so viel Zeit mit­ge­bracht.“

Es ent­stand eine Pau­se, die der Wel­ten-Hüp­fer dazu nutz­te, sei­nen Freund im Roll­stuhl zu betrach­ten. Sein Blick wirk­te dabei trau­rig.

Sven warf ihm mit einer kur­zen Kopf­be­we­gung ein Lächeln zu. „Du musst nicht trau­rig sein, nur weil ich in einem Roll­stuhl sit­ze. Es geht mir gut. Natür­lich habe ich auch mal trau­ri­ge Tage, aber ich habe mehr glück­li­che Tage.“

111 nick­te ihm aner­ken­nend zu. „Dazu braucht man inne­re Stär­ke. Du scheinst viel davon zu haben.“

Kurz zuck­te Sven mit den Schul­tern. „Stär­ke? Ich weiß nicht, ob es Stär­ke ist.“

Wie hast du in dein lauf­lo­ses Leben denn sonst hin­ein­ge­fun­den als durch Stär­ke?“, frag­te 111. Eine Ant­wort schien er gar nicht so drin­gend haben zu wol­len, weil er sofort wei­ter­re­de­te. „Ich habe mei­ne Mut­ter gefragt und ihr ist nicht bekannt, dass es jemals einen Wel­ten-Hüp­fer gege­ben hat, der quer­schnitt­ge­lähmt war. Das Schlimms­te, das wirk­lich Aller­schlimms­te, das Wel­ten-Hüp­fern bis­her wider­fah­ren ist, war, dass sie sich …“

… eine gel­be Nase bei einem Zusam­men­stoß wäh­rend der Pla­ne­ten-Hüp­fe­rei zuge­zo­gen haben“, ergänz­te Sven den Satz.

111 nick­te auf­fäl­lig lang. Offen­bar wuss­te er nicht, wie er sich wei­ter über das The­ma mit sei­nem Freund unter­hal­ten soll­te.

Sven spür­te die Hilf­lo­sig­keit sei­nes Freun­des und ergriff des­halb das Wort. „Du kannst ganz ent­spannt mit mir dar­über reden. Natür­lich gehört mei­ne Quer­schnitt­läh­mung nicht zu mei­nen Lieb­lings­the­men, weil es auch immer ein wenig weh in mei­nem Her­zen tut, aber noch viel schlim­mer als das Reden dar­über ist, wenn ich die Bli­cke der Leu­te sehe und kei­ner sich traut, mit mir zu reden. Dabei bin ich ein ganz nor­ma­ler Jun­ge, der zur Fort­be­we­gung halt nur einen Roll­stuhl benutzt.“

Du bist kein nor­ma­ler Jun­ge, du bist ein farb­lo­ser Jun­ge“, warf der Wel­ten-Hüp­fer frech ein.

Sven lach­te laut. Dann sag­te er mit einem Lächeln: „Ach, ich mag dich, mein blau­er Freund.“

111 lächel­te zurück. „Ich mag dich auch, mein farb­lo­ser Freund.“ Tief sah er Sven anschlie­ßend in die Augen. „Und es ist doch Stär­ke, die in dir sein muss, wenn du einen sol­chen Schick­sals­schlag meis­terst und glück­lich damit lebst.“

Erneut zuck­te Sven kurz mit den Schul­tern. „Wenn, dann ist es eine Stär­ke, mit der ich gebo­ren wor­den bin. Ich habe nach dem Unfall viel geweint und woll­te eigent­lich nie­man­den mehr sehen. Mei­ne Eltern erzähl­ten mir irgend­wann in die­ser Zeit, dass Wis­sen­schaft­ler eine Unter­su­chung irgend­wann ein­mal durch­ge­führt haben. Dabei haben sie wohl Lot­to­ge­win­ner und Unfall­op­fer mit­ein­an­der ver­gli­chen.“

Was sind den Lot­to­ge­win­ner für Men­schen?“ 111 blick­te ver­wirrt.

Die haben bei einem Glücks­spiel so viel Geld gewon­nen, dass sie reich sind und sich alles, was sie wol­len, kau­fen kön­nen.“

Was habt ihr denn für selt­sa­me Wis­sen­schaft­ler auf der Erde. Ver­glei­chen Men­schen mit super Glück mit Men­schen mit super Pech. Wie doof ist das denn?! Das braucht man ja gar nicht unter­su­chen. Das Ergeb­nis ist doch jedem vor­her klar. Die einen sind glück­lich und die ande­ren sind total unglück­lich.“ Der Wel­ten-Hüp­fer schüt­tel­te ver­ständ­nis­los sei­nen blau­en Kopf.

Das stimmt auch soweit, aber eben nur eine Zeit lang“, erwi­der­te Sven.

Der Gesichts­aus­druck von 111 zeig­te, dass er nun noch ver­wirr­ter war.

Also“, begann Sven betont lang­sam und stell­te dabei den Pin­sel, den er die gan­ze Zeit in sei­ner Hand gehal­ten hat­te, in einen Becher. „In den ers­ten paar Mona­ten sind die rei­chen Lot­to­ge­win­ner zunächst alle glück­lich. Und alle Men­schen, die einen schlim­men Unfall hat­ten, erst ein­mal unglück­lich. Danach setzt sich aber wie­der das Wesen, also der Cha­rak­ter durch, mit dem ein Mensch gebo­ren wur­de. Die Leu­te, die reich gewor­den waren und die vor­her immer nur schlech­te Lau­ne hat­ten und alles im Leben furcht­bar fan­den, waren nach ein paar Mona­ten wie­der so drauf. Sie waren halt schlecht gelaun­te rei­che Leu­te. Und die Leu­te, die vor dem Unfall eigent­lich immer glück­lich und gut gelaunt waren, waren es nach ein paar Mona­ten nach dem Unfall auch wie­der. So wie bei mir auch. Ich habe frü­her immer viel gelacht und hat­te Spaß. Und jetzt lache ich auch wie­der viel und habe Spaß, nur halt vom Roll­stuhl aus.“

Lang­sam kam 111 auf sei­nen Freund zu. Dann leg­te er kurz­ent­schlos­sen Sven sei­ne Hän­de links und rechts an die Wan­gen, beug­te sich vor und gab ihm mit sei­nen blau­en Lip­pen einen Kuss auf die Stirn.

Nach­dem sich 111 wie­der auf­ge­rich­tet hat­te, frag­te Sven lächelnd: „Womit habe ich das denn ver­dient?“

Wir Wel­ten-Hüp­fer sind dafür bekannt, dass wir eigent­lich immer nur groß­ar­ti­ge Din­ge sagen. Dafür sind wir im gan­zen Uni­ver­sum bekannt. Wenn ich aber mal etwas ganz her­vor­ra­gend Beson­de­res zu mei­ner Mut­ter sage, dann gibt sie mir immer einen Kuss auf mei­ne Stirn. Und ich fin­de, dass du gera­de etwas ganz her­vor­ra­gend Beson­de­res gesagt hast.“

Sven lächel­te. Noch bevor er etwas sagen konn­te, wech­sel­te 111 das The­ma, indem er auf Svens Kunst­werk zeig­te. „Sehen bei euch auf der Erde alle Bäu­me so aus?“

Nein, natür­lich nicht“, sag­te Sven. „Das  ist ein Aben­teu­er­baum. Mein Aben­teu­er­baum. Ich habe ihn mir aus­ge­dacht und male ihn jetzt. Nach die­sem Bild wol­len mir mei­ne Eltern eine Aben­teu­er­hüt­te mit Auf­zug in den Gar­ten bau­en. Wie fin­dest du ihn?“

Groß­ar­tig. Wirk­lich groß­ar­tig“, sag­te 111 nach­denk­lich.

Echt?“, frag­te Sven.

Aber abso­lut! Für einen farb­lo­sen Jun­gen, wie du es bist, ist die­ses Bild gera­de­zu sen­sa­tio­nell far­ben­froh.“

Kurz ver­dreh­te Sven die Augen im Kopf. „Und gleich sagst du mir, dass ihr Wel­ten-Hüp­fer die größ­ten Künst­ler im gan­zen Uni­ver­sum seid, nicht wahr?“

Selbst­ver­ständ­lich sind wir das! Wie bei allem, was wir tun! Wir Wel­ten-Hüp­fer sind halt von Talent durch­flu­tet!“

Sven lächel­te kopf­schüt­telnd. Am liebs­ten hät­te er sei­nem blau­en Freund gesagt, dass die­ser gera­de mit sei­ner stol­zen Kör­per­hal­tung einem Prin­zen oder König auf der Erde ähneln wür­de, der gera­de auf sein Volk hin­un­ter blickt. Doch er ver­kniff sich den Kom­men­tar. Statt­des­sen frag­te er: „Hast du auf dei­nen Rei­sen zu ande­ren Pla­ne­ten schon ein­mal einen so schö­nen Aben­teu­er­baum gese­hen?“

Der Wel­ten-Hüp­fer schüt­tel­te den Kopf. „Nein“, sag­te er nach kur­zem Zögern. „Noch nie. Auf drei Pla­ne­ten bin ich auf wirk­lich selt­sa­me Bäu­me gesto­ßen, wobei die Sport­bäu­me wirk­lich die eigen­ar­tigs­ten waren.“

Sport­bäu­me? Sag­test du Sport­bäu­me?“ Sven sah 111 ver­wun­dert an.

Also“, sag­te 111 mit könig­li­cher Beto­nung.  „Es war mein 71. Sprung. Ich hat­te alles so gemacht, wie ich es bei allen Rei­sen zuvor auch immer gemacht hat­te. Die Knie leicht ange­win­kelt und die Hän­de schüt­zend vor das Gesicht aus­ge­streckt. Mit ande­ren Wor­ten: Ich hat­te eigent­lich alles rich­tig gemacht. Aber mit dem, was unmit­tel­bar nach der Lan­dung pas­sier­te, konn­te nun wirk­lich nie­mand rech­nen. Selbst dem erfah­rens­ten Wel­ten-Hüp­fer wäre es so ergan­gen und das will schon etwas hei­ßen.“

Was ist pas­siert?“, frag­te Sven vol­ler Neu­gier­de.

Ich lan­de also, wie gesagt, mit aus­ge­streck­ten Hän­den vor dem Gesicht. Und das ers­te, was ich auf die­sem Pla­ne­ten sehe, ist ein rie­si­ger Fuß­ball, der direkt auf mich zuge­flo­gen kommt …“

Oh je“, ent­fuhr es Sven.

Du sagst es, mein Freund. Der Ball prall­te mit vol­ler Wucht gegen mei­ne Hän­de und die prall­ten dadurch mit vol­ler Wucht gegen mei­ne wun­der­schö­ne blaue Nase, die inner­halb von Sekun­den gelb anschwoll. Wie ange­wur­zelt stand ich da und konn­te mit schie­len­dem Blick ver­fol­gen, wie mei­ne Nase gel­ber und gel­ber wur­de, bis sie rich­tig leuch­te­te. Dann, als der Schreck der Wut wich, woll­te ich natür­lich den Ver­ant­wort­li­chen zur Rede stel­len. Ich hör­te also auf zu schie­len, wand­te mei­nen Blick von mei­ner Nase ab und sah mich nach dem schul­di­gen Fuß­bal­ler um. Weit und breit sah ich aber kein Lebe­we­sen im her­kömm­li­chen Sinn. Also kei­nes mit Armen und Bei­nen und einem Kopf und so wei­ter, son­dern nur eine grö­ße­re Anzahl von hohen Bäu­men, die Fuß­ball­tri­kots tru­gen.“

Bäu­me, die Fuß­ball­tri­kots tru­gen?“, frag­te Sven noch­mals nach.

Ja.“

Und wel­che Far­be hat­ten die Blät­ter die­ser Bäu­me? Waren sie grün oder hat­ten sie eine ande­re Far­be?“

Die­se Bäu­me hat­ten sil­ber­far­be­ne Blät­ter. Aber das spielt über­haupt kei­ne Rol­le, wel­che Far­be die Blät­ter hat­ten. Ent­schei­dend war viel mehr, dass die­se Fuß­bal­ler­bäu­me ohne Fuß­ball­schu­he her­um­lie­fen.“

Wie­so ist das so bedeu­tend?“, woll­te Sven wis­sen.

Na, weil die Bäu­me des­halb ein­fach auf ihren gan­zen Wur­zeln her­um­lie­fen und nach dem Ball tra­ten. Über­all im Uni­ver­sum haben die Bäu­me, egal wel­che Far­be ihre Blät­ter auch immer haben, ihre Wur­zeln tief im Erd­reich ste­cken. Dort geben sie dem Baum Halt, so dass er durch Wind und Wet­ter nicht so leicht umstür­zen kann. Über sei­ne Wur­zeln saugt er Was­ser aus dem Boden und lei­tet es durch sei­nen Stamm hin­auf zu jedem ein­zel­nen Blatt. Doch die­se fuß­ball­ver­rück­ten Bäu­me dort lau­fen auf ihren Wur­zeln. Hast du jemals ver­sucht, mit dei­nen Füßen einem Baum aus­zu­wei­chen, der mit sei­nem rie­si­gen Wur­zel­werk auf dich zuge­lau­fen kommt, nur weil vor dir ein Fuß­ball liegt?“

Nein!“, ant­wor­te­te Sven.

Kannst  du dir über­haupt ein Bild von die­sem Pro­blem machen?“

Ich glau­be schon“, sag­te Sven lachend.

Das kannst du offen­sicht­lich nicht, sonst wür­dest du nicht so lachen und grin­sen. Ver­su­che dir jetzt ein­mal ernst­haft vor­zu­stel­len, dass ein gan­zer Wald sozu­sa­gen auf den Wur­zeln ist und ver­sucht, an den Ball zu kom­men, der vor dei­nen Füßen liegt.“

Auweia“, sag­te Sven betont ernst­haft.

Du sagst es, mein farb­lo­ser Freund. Statt dass man mir Gele­gen­heit gab, mei­ne Wut über mei­ne gel­be Nase zum Aus­druck zu brin­gen, muss­te ich bis zur Däm­me­rung zwi­schen einem Fuß­ball spie­len­den Wald her­um­sprin­gen, damit die Wur­zel­fü­ße nicht mei­ne wun­der­schö­nen blau­en Füße tra­fen.“

War­um bis zur Däm­me­rung? War­um bist du nicht nach Hau­se gehüpft?“

Ich hat­te ein­fach kei­ne Zeit, um in Sprung­hal­tung zu gehen und mei­nen Hüpf­satz auf­zu­sa­gen. Bis zur Däm­me­rung muss­te ich lau­fen, weil dann die Bäu­me wegen feh­len­der Sicht mit dem Fuß­ball­spie­len auf­hö­ren und sich bis zum nächs­ten Tag aus­ru­hen. Erst, wenn sie sich aus­ru­hen, ste­cken sie auf die­sem Pla­ne­ten ihre Wur­zeln in das Erd­reich und sau­gen Was­ser für ihre sil­ber­far­be­nen Blät­ter.“

Und was geschah dann?“

Abge­se­hen davon, dass mei­ne gel­be Nase die Däm­me­rung erleuch­te­te, traf ich noch auf Wesen mit Armen, Bei­nen und einem Kopf. Die­se leid­ge­prüf­te Lebens­form traut sich nur ab der Däm­me­rung aus ihren Erd­höh­len, wenn die Bäu­me nicht mehr Fuß­ball spie­len. Und die hal­be Nacht brau­chen die­se armen Wesen schon dazu, um sich in der Umge­bung wie­der zurecht­zu­fin­den.“

War­um das denn?“, woll­te Sven wis­sen.

Na, weil die Bäu­me jede Nacht an einer ande­ren Stel­le schla­fen. Die Welt sieht dort dadurch jeden Tag anders aus. Wege ver­lau­fen auf ein­mal anders. Lich­tun­gen sind auch an einer ande­ren Stel­le. Und dort, wo ges­tern noch der Höh­len­ein­gang der Nach­barn war, steht plötz­lich ein rie­si­ger Baum. Die­se armen Lebe­we­sen haben es auf die­sem Pla­ne­ten wirk­lich nicht leicht, weil die Bäu­me so wild aufs Fuß­ball­spie­len sind, dass ein ver­nünf­ti­ges Gespräch über­haupt nicht zustan­de kommt. Ich und mei­ne Nase haben es am eige­nen Leib erfah­ren. Und dann die­ses Gespött, als ich mit leuch­tend gel­ber Nase wie­der nach Hau­se kam. Oh, die­ser Schmerz, die­se Pein tief in mei­nem blau­en Her­zen.“

Mein armer blau­er Freund“, sag­te Sven. Sei­nem Freund zulie­be hat­te er ver­sucht, einen nöti­gen Schuss Ernst­haf­tig­keit in sei­ne Stim­me zu brin­gen. Doch es gelang ihm nicht.

Ich habe den Ein­druck, dir fehlt es immer noch ein wenig am nöti­gen Ernst, wenn es um gel­be Nasen geht, mein farb­lo­ser Freund“, sag­te der Wel­ten-Hüp­fer mit gespiel­ter Stren­ge.

Sven ant­wor­te­te mit einem Lächeln, das 111 erwi­der­te.

Oh“, ent­fuhr es dem jun­gen Wel­ten-Hüp­fer plötz­lich. „Mist, wir haben die Zeit total ver­ges­sen. Der Besuch ist bestimmt schon da. Ich muss schnell zurück. Mei­ne Mut­ter wird bestimmt schon ganz dun­kel­blau vor Ärger sein. Bis mor­gen, mein farb­lo­ser Freund.“

Bis mor­gen, 111“, ant­wor­te­te Sven mit einem brei­ten Grin­sen.

Hui, hui, hui, ich hüp­fe zu den Wel­ten. Hui, hui, hui, wo geht die Rei­se hin? Hui, hui, hui, ich hüp­fe zu den Wel­ten. Hui, hui, hui, jetzt geht es aber erst mal wie­der heim.“

Idee und Text:  Frank Mül­ler