Heu­te star­ten wir unse­ren Blog! — Mit einer Fort­set­zungs­ge­schich­te, auf die Ihr Euch jeden Frei­tag freu­en dürft:

Der quer­schnitts­ge­lähm­te Sven bekommt Besuch aus dem Welt­all. Das ist der Beginn einer Freund­schaft, die Anders­sein zulässt und gleich­zei­tig the­ma­ti­siert.  Eine Geschich­te für Kin­der und Erwach­se­ne.


Oh, wo bin ich denn hier gelan­det?“ Über­rascht sah sich der Jun­ge mit der blau­en Haut um.

In mei­nem Zim­mer“, ant­wor­te­te eine Stim­me, in deren Klang deut­lich Ver­wun­de­rung zu hören war.

Oh, ich bin nicht allein. Phä­no­me­nal. Ich, der größ­te Wel­ten-Hüp­fer, den das Uni­ver­sum je erlebt hat, lan­de bei mei­ner 111. Rei­se in unmit­tel­ba­rer Nähe eines Lebe­we­sens. Bis­her lan­de­te ich immer in Ein­öden und muss­te vie­le Schrit­te mit mei­nen schö­nen blau­en Füßen machen, bis ich end­lich jeman­den zu Gesicht bekam.“ Lang­sam mach­te der blau­häu­ti­ge Wel­ten-Hüp­fer, der nur einen kurz­ärm­li­gen blau­en Over­all trug, einen Schritt auf das Lebe­we­sen, das zuge­deckt im Bett lag, zu. Neu­gie­rig sah er es dabei an. Das Lebe­we­sen im Bett lag regungs­los da und hielt sich schüt­zend einen klei­nen Ted­dy vor den Kör­per.

Ein Kopf mit Haa­ren, zwei Ohren, zwei Augen, eine Nase, ein Mund, zwei Arme und zwei Hän­de. Soweit sind wir uns ja ähn­lich. Nur wirkst du etwas farb­los, so blass. Was für ein Lebe­we­sen bist du? Hast du auch noch an dei­nem Kör­per Bei­ne mit Füßen?“ Wie­der mach­te der Wel­ten-Hüp­fer einen Schritt auf das für ihn frem­de Lebe­we­sen zu.

Ich bin ein jun­ger Mensch. Ich bin ein Jun­ge“, ant­wor­te­te das mensch­li­che Lebe­we­sen unsi­cher und fast flüs­ternd, das immer noch schüt­zend den Ted­dy vor sich hielt.

Und, du Mensch, du Jun­ge, wie sieht es nun aus mit Bei­nen und Füßen?“

Ich habe wel­che, aber ich kann sie nicht rich­tig benut­zen.“ Es ent­stand eine kur­ze Pau­se, die der Jun­ge im Bett dazu benutz­te, sich die blau­en Bei­ne und Füße des Jun­gen anzu­se­hen, der so plötz­lich in sei­nem Zim­mer erschie­nen war. Dann sah er dem frem­den Wesen wie­der in die blau­en Augen. „Ich hei­ße Sven.“

So, so, ein recht farb­lo­ser Men­schen­jun­ge namens Sven mit Bei­nen und Füßen, die er nicht rich­tig benut­zen kann. Kön­nen alle Men­schen­jun­gen ihre Bei­ne und Füße nicht rich­tig benut­zen?“ Das blau­häu­ti­ge Wesen stand nun ganz dicht am Bett.

Sven schüt­tel­te ver­nei­nend den Kopf. „Nein, ich hat­te einen Unfall. Die meis­ten Kin­der kön­nen lau­fen und ren­nen.“ Lang­sam ließ Sven den Ted­dy neben sich auf das Bett sin­ken.

Was für einen Unfall hast du denn gehabt?“, woll­te der blaue Jun­ge sofort wis­sen.

Erst ein­mal will ich wis­sen, wer du bist. Wo kommst du her und was willst du hier bei mir?“ Vor­sich­tig tipp­te Sven mit sei­nem Zei­ge­fin­ger gegen den blau­en Unter­arm des Jun­gen, der wie selbst­ver­ständ­lich vor sei­nem Bett stand.

Ich bin ein Wel­ten-Hüp­fer und im gan­zen Uni­ver­sum bekannt und beliebt.“ Kurz rümpf­te der Wel­ten-Hüp­fer arro­gant die Nase.

Und war­um bist du so blau?“, woll­te Seven wis­sen.

Und war­um bist du so farb­los?“. Wie­der rümpf­te der Wel­ten-Hüp­fer kurz die Nase.

Ich bin nicht farb­los. Ich fin­de, dass ich eine gesun­de rosi­ge Far­be habe. Mei­ne Mut­ter fin­det das auch. Ich habe gehört, wie sie das heu­te mei­ner Oma am Tele­fon gesagt hat.“

Was ist denn ein Tele­fon?“, frag­te der Wel­ten-Hüp­fer.

Was ist denn ein Wel­ten-Hüp­fer?“, frag­te Sven.

Ich habe zuerst gefragt“, sag­te der Wel­ten-Hüp­fer.

Aber du bist in mei­nem Zim­mer.“ Jetzt rümpf­te Sven die Nase.

So kom­men wir nicht wei­ter“, sag­te der Wel­ten-Hüp­fer. Lang­sam ließ er sich auf das Bett neben Sven nie­der. „Gemüt­lich hast du es hier.“

Gera­de woll­te Sven etwas sagen, da ergriff das blau­häu­ti­ge Wesen wie­der das Wort. „Ana­ly­sie­ren wir kurz die Situa­ti­on. Ich bin der Gast und du der Gast­ge­ber. Daher soll­test du der Beant­wor­tung mei­ner Fra­ge Vor­rang geben. Aller­dings muss ich ein­räu­men, dass ich ein unan­ge­mel­de­ter, ja sogar ein sehr über­ra­schen­der Besu­cher bin. Also gut. Gast­freund­schaft hin oder her, ich wer­de zunächst dei­ne Fra­ge beant­wor­ten.“

Aber ein wenig lei­ser bit­te. Es ist Schla­fens­zeit. Mei­ne Eltern dür­fen nicht mit­be­kom­men, dass ich noch wach bin.“ So über­rascht Sven vor ein paar Augen­bli­cken wegen sei­nes Besu­chers mit der blau­en Haut gewe­sen war, so über­rascht war er nun, dass er über­haupt kei­ne Angst vor dem Wel­ten-Hüp­fer hat­te. Im Gegen­teil, es kam ihm so vor, als ob er das Wesen mit der blau­en Haut, in des­sen Gesicht zwei hell­blaue Augen fun­kel­ten, schon immer ken­nen wür­de.

Dem Wel­ten-Hüp­fer schien es ähn­lich zu gehen. „Geht klar. Spre­chen wir lei­se.“

Für einen kur­zen Moment schwie­gen die bei­den. Kon­zen­triert sahen sie sich an. Zeit­gleich streck­ten sie ihre Hän­de aus und berühr­ten gegen­sei­tig ihre Gesich­ter. Vor­sich­tig betas­te­ten sie ihre Haut. Dann sag­te der Wel­ten-Hüp­fer: „Und du bist doch irgend­wie farb­los.“

Und du bist irgend­wie blau.“ Nach Svens Ant­wort lach­ten bei­de laut auf.

Du sollst schla­fen, Sven und nicht lachen.“ Die Stim­me, die von außen in das Zim­mer drang, hör­te sich zwar gut gelaunt, aber auch sehr bestimmt an.

Mei­ne Mut­ter kommt. Ver­steck dich schnell hin­ter der Tür.“

Blitz­schnell hat­te der Wel­ten-Hüp­fer reagiert. Gera­de noch recht­zei­tig erreich­te er die Stel­le, auf die Sven gezeigt hat­te, als schon die Tür auf­ging. Kopf­schüt­telnd sah die Mut­ter in das Zim­mer. „Die­ses Bett ist um die­se Zeit zum Schla­fen gedacht. Also Sven, Augen zu und schla­fen.

Brav lächelnd warf Sven sei­ner Mut­ter einen Kuss zu. „Gute Nacht, Mama“, sag­te er.

Gute Nacht. Schlaf gut und vor allem sofort.“ Svens Mut­ter warf ihm auch noch ein Küss­chen zu, bevor sie die Tür schloss.

Das war knapp“, flüs­ter­te Sven. „Sie ist weg, du kannst wie­der zu mir ans Bett kom­men.“

Mit einem brei­ten Lächeln kam der Wel­ten-Hüp­fer zurück zum Bett. „Müt­ter sind wohl in der gan­zen Gala­xie alle gleich. Irgend­wie sind sie immer so besorgt.“

Auch die blau­en Müt­ter?“, frag­te Sven, auf des­sen Gesicht eben­falls ein brei­tes Lächeln lag.

Glaub mir ein­fach, weil ich schon sehr weit her­um gekom­men bin, dass die farb­lo­sen Müt­ter, die blau­en Müt­ter, die grü­nen, die schwarz-weiß gestreif­ten, ein­fach alle Müt­ter im Uni­ver­sum irgend­wie immer besorgt klin­gen …“

… die schwarz-weiß gestreif­ten Müt­ter? Wo gibt es die denn?“

Der Wel­ten-Hüp­fer sah Sven für einen Moment ver­wun­dert an. Dann sag­te er ent­schul­di­gend: „Ver­zeih bit­te mei­nen Gesichts­aus­druck, der für eini­ge Augen­bli­cke mit abso­lu­ter Sicher­heit mei­ne gan­ze Über­ra­schung wider­spie­gel­te. Ich kann mich ein­fach nicht dar­an gewöh­nen, dass es Lebe­we­sen gibt, die nicht von Welt zu Welt hüp­fen wie wir. Irgend­wie scheint mein Volk ein­zig­ar­tig zu sein. Die meis­ten Lebe­we­sen im Uni­ver­sum rei­sen über­haupt nicht in der Gala­xie her­um. Die begnü­gen sich mit ihren klei­nen oder mit­un­ter auch grö­ße­ren Pla­ne­ten. Eini­ge weni­ge rei­sen auch ein wenig mit Raum­schif­fen umher. Fürch­ter­lich umständ­lich, sage ich dir. Das Rei­sen mit Raum­schif­fen ist viel zu lang­sam. Tage­lang, wochen­lang, mona­te­lang, ja sogar jah­re­lang rei­sen die in ihren äußerst beeng­ten Schif­fen umher. Das Hüp­fen von Welt zu Welt ist da viel ange­neh­mer. Vor allem ist man immer früh genug zu Hau­se, bevor die Mut­ter anfängt, sich Sor­gen zu machen … meis­tens zumin­dest.“

Wie hüpfst du denn von Welt zu Welt?“, frag­te Sven.

Och, das ist ein­fach. Ich stel­le mich mit leicht ein­ge­knick­ten Kni­en so hin, als ob ich jeden Moment einen gro­ßen Hüp­fer vor­wärts machen wür­de. Die Arme stre­cke ich dabei so nach vor­ne aus, dass sie mir Schutz bie­ten. Schließ­lich weiß man nie, wo man lan­det. Und nichts wäre für einen Wel­ten-Hüp­fer pein­li­cher, als wenn er unge­schützt vor einen Wider­stand knallt. Ich habe schon von Wel­ten-Hüp­fern gehört, die sind bei der Lan­dung direkt an einer Mau­er oder einem Baum kle­ben geblie­ben und haben sich eine gel­be Nase geholt …“

Eine gel­be Nase?“, frag­te Sven nach.

Na klar gelb, wie denn sonst? Stell dir ein­mal in mei­nem makel­los schö­nen blau­en Gesicht eine gel­be Nase vor. Jeder Wel­ten-Hüp­fer wüss­te sofort, dass ich die mir bei einer Lan­dung zuge­zo­gen hät­te. Nichts im gan­zen Uni­ver­sum ist pein­li­cher …“

Auf der Erde gibt es vie­le Mög­lich­kei­ten, sich zu bla­mie­ren. Zwar kön­nen wir uns kei­ne gel­be, son­dern nur eine rote oder eine blaue Nase holen, aber ich sage dir, dass es vie­le pein­li­che Momen­te gibt …“

Nichts kann so pein­lich wie eine gel­be Nase im Uni­ver­sum sein, Sven. Ich weiß Bescheid. Ich bin schließ­lich der­je­ni­ge, der das Uni­ver­sum bereist und nicht du oder lie­ge ich da falsch?“

Wir Men­schen hüp­fen zwar nicht durch das Uni­ver­sum, aber wir flie­gen mit Rake­ten und Raum­glei­tern und Satel­li­ten her­um …“

Mit Rake­ten und Satel­li­ten um eure Welt her­um­zu­flie­gen, das sagt doch schon alles aus. Egal, wie vie­le Mög­lich­kei­ten es auf eurem Pla­ne­ten auch geben mag, sich zu bla­mie­ren, im Uni­ver­sum ist und bleibt das Schlimms­te, mit einer gel­ben Nase her­um­zu­lau­fen. Das kannst du mir als erfah­re­nem Wel­ten-Hüp­fer glau­ben.“

Erfah­ren?“, frag­te Sven ver­wun­dert. „Du siehst nicht viel älter aus als ich und ich bin acht Jah­re alt.“

Ich bin schon neun Jah­re alt, aber die Wel­ten-Hüp­fer ent­wi­ckeln sich wahn­sin­nig schnell, so dass man ohne Über­trei­bung behaup­ten kann, dass ich eigent­lich schon den Rei­fe­grad eines Zehn­jäh­ri­gen habe.“

Rei­fe­grad! Was du für Wor­te benutzt. Davon ein­mal abge­se­hen, was hilft dir dein gan­zer Rei­fe­grad? Du weißt ja noch nicht ein­mal, was ein Tele­fon ist. Und auf mei­nem Pla­ne­ten weiß das jedes Baby.“ Sven sah den Wel­ten-Hüp­fer auf­for­dernd an.

Der Wel­ten-Hüp­fer grins­te ein wenig ver­ächt­lich. „Na, dann bin ich aber mal gespannt, was Men­schen­ba­bys alles so ken­nen.“

Über ein Tele­fon kann man mit ande­ren Men­schen über wei­te Ent­fer­nung spre­chen. Sie funk­tio­nie­ren über Lei­tun­gen oder über Funk. Die Stim­me wird dabei in elek­tri­sche Impul­se über­tra­gen und über Anten­nen und Satel­li­ten ver­sen­det. Rund um die gan­ze Welt. Beim Emp­fän­ger wer­den die elek­tri­schen Impul­se wie­der in Spra­che ver­wan­delt. Und? Weißt du nun, was ein Tele­fon ist?“

Klar, sol­che Din­ger kennt man in den ver­schie­dens­ten For­men auf den meis­ten Wel­ten. Sie wer­den über­wie­gend Kom­mu­ni­ka­to­ren genannt. Es wun­der­te mich schon, dass ihr in eurer Welt einen ande­ren Namen dafür habt.“ Wie­der lächel­te der Wel­ten-Hüp­fer ein wenig ver­ächt­lich. Dann ver­än­der­te sich plötz­lich sei­ne Mie­ne und er sag­te: „Na ja, mei­ne größ­te Fähig­keit liegt nun ein­mal dar­in, mich zu wun­dern. Wir Wel­ten-Hüp­fer wun­dern uns oft. Nicht über uns selbst, son­dern über die vie­len selt­sa­men Ver­hal­tens­for­men der Lebe­we­sen im Uni­ver­sum. Abge­se­hen von der Bezeich­nung Tele­fon wun­de­re ich mich über alle Maßen über die Tat­sa­che, dass du irgend­wie farb­los bist und es pein­lich fin­den wür­dest, wenn du dir eine blaue Nase zuzie­hen wür­dest. Ich mei­ne, sieh mich an. Eine blaue Nase ist eine Zier­de. Viel­leicht sogar die größ­te im gan­zen Uni­ver­sum. Und euch Men­schen ist es pein­lich, eine blaue Nase zu haben, statt sie als wun­der­schön anzu­se­hen, was sie, wie mein Bei­spiel zeigt, in der Tat ja auch ist …“

Na ja …“, sag­te Sven und ver­kniff sich eine wei­te­re Ant­wort. Sei­nem Gesicht war aber anzu­se­hen, dass er sich über die Arro­ganz des Wel­ten-Hüp­fers amü­sier­te. Gleich­zei­tig benei­de­te er ihn wegen sei­ner Fähig­keit, von Welt zu Welt hüp­fen zu kön­nen.

Der Wel­ten-Hüp­fer hat­te für eini­ge Momen­te ganz ruhig da geses­sen. Dann schüt­tel­te er ver­nei­nend den Kopf. „Nein“, sag­te er mit lei­ser, aber fes­ter Stim­me. „Viel­leicht lässt sich auf der Welt der Men­schen über Geschmack strei­ten, kei­nes­falls aber im Uni­ver­sum. Und schö­ne Nasen sind blaue Nasen, sind blaue Nasen, sind blaue Nasen, sind …“

Sven hielt sei­nem neu­en Freund den blau­en Mund zu. „Ist ja schon gut“, flüs­ter­te er in Rich­tung des blau­en Ohrs. „Nicht so laut, mei­ne Mut­ter.“

Der Wel­ten-Hüp­fer drück­te lächelnd die für ihn farb­lo­se Hand von sei­nem Mund fort. „Ich wuss­te, dass du einem neun­jäh­ri­gen Wel­ten-Hüp­fer, der die Erfah­rung eines Zehn­jäh­ri­gen hat, recht geben wür­dest. Ich bin ange­nehm von den Men­schen über­rascht, dass sie ihre zuvor fal­sche Mei­nung so erfreu­lich schnell dem Wis­sen eines Wel­ten-Hüp­fers unter­ord­nen und ihre Ein­stel­lun­gen ändern kön­nen.“

Sven stöhn­te kopf­schüt­telnd auf. „Kön­nen wir nicht über etwas ande­res reden?“

Sehr ger­ne. Wir haben uns ja schon auf blau bei Nasen geei­nigt. Des­halb kön­nen wir ger­ne das The­ma wech­seln. Wir wäre es mit die­sem The­ma: Wenn du dei­ne Bei­ne und Füße nicht rich­tig benut­zen kannst, wie bewegst du dich dann vor­an?“

Mit dem Roll­stuhl, der dort in der Ecke steht.“ Sven zeig­te in die Rich­tung, in der der Roll­stuhl stand. „Er ist ganz prak­tisch. Er ist mein Fort­be­we­gungs­mit­tel. Aller­dings gibt es vie­le Hin­der­nis­se, die ich nur mit Hil­fe über­win­den kann. Und beim Über­que­ren der Stra­ßen muss ich beson­ders auf­pas­sen. Die Autos fah­ren oft schnell und die Bord­stein­kan­ten sind nicht immer ein­fach zu neh­men.“ Sven press­te kurz die Lip­pen genervt zusam­men. „Wie heißt du eigent­lich?“

111!“

111?“, platz­te es lei­se aus Sven her­aus. „Das ist doch kein Name, das ist eine Zahl.“

Wir Wel­ten-Hüp­fer tra­gen kei­ne Namen. Die Anzahl unse­rer Rei­sen bestimmt unse­ren Namen. Ich bin 111 Mal zu Wel­ten gehüpft und hei­ße des­halb 111, ist doch logisch, oder?“

Und nach der nächs­ten Rei­se heißt du 112.“

Ganz genau“, sag­te der Wel­ten-Hüp­fer.

Gibt es da  nicht vie­le Ver­wechs­lun­gen, wenn man nur eine Zahl als Namen trägt?“, woll­te Sven wis­sen.

Nein, über­haupt nicht. Es gibt nicht so vie­le Wel­ten-Hüp­fer im Uni­ver­sum. Und ich bin der jüngs­te. Nur alle 99 Jah­re wird ein Wel­ten-Hüp­fer gebo­ren. Alle vor mir haben schon viel mehr Hüp­fer durch die Gala­xie gemacht als ich. Der zweit­jüngs­te Wel­ten-Hüp­fer hieß zumin­dest ges­tern noch 2635.“

Sven hielt sich sei­ne Decke vor den Mund, damit sein Lachen nicht so laut zu hören war.

Was gibt es da zu lachen?“, woll­te 111 wis­sen.

Ach, ver­giss es. Wenn es dir nichts aus­macht, dann nen­ne ich dich ein­fach Wel­ten-Hüp­fer. Dich mit der Zahl 111 anzu­spre­chen, fin­de ich irgend­wie eigen­ar­tig.“

Ich fin­de es eigen­ar­tig, ein Wesen nicht mit sei­nem Namen anzu­spre­chen, beson­ders wenn es sich um ein so fas­zi­nie­ren­des Wesen, wie ich es bin, han­delt. Aber da es so wenig Wel­ten-Hüp­fer gibt und da man davon aus­ge­hen kann, dass du kei­nen ande­ren Wel­ten-Hüp­fer in dei­nem Leben ken­nen­ler­nen wirst, akzep­tie­re ich mei­ne von dir gewähl­te Benen­nung …“

Benen­nung! Du drückst dich manch­mal komisch aus.“

Nur wenn du dich eigen­tüm­lich benimmst.“

Eigen­tüm­lich! Schon wie­der so ein Wort, das kein Mensch benutzt.“

Ich bin ja auch kein farb­lo­ser Mensch, des­halb brau­che ich auch nicht so farb­los zu reden“, sag­te 111.

Ich bin nicht farb­los. Wenn ich viel in der Son­ne bin, dann wer­de ich ganz schön braun. Außer­dem gibt es bei den Men­schen ver­schie­de­ne Haut­far­ben. Es gibt Men­schen mit wei­ßer Haut und ganz brau­ner Haut und mit allen Tönen dazwi­schen…“

Kei­ne mit blau­er Haut?“, frag­te der Wel­ten-Hüp­fer.

Nein, blaue Men­schen gibt es nicht. Außer sie sind ziem­lich durch­ge­fro­ren, dann sind sie ein wenig bläu­lich …“

Also sind die Men­schen doch irgend­wie farb­los. Die einen ein biss­chen mehr, die ande­ren ein biss­chen weni­ger. Im Ver­gleich zu mei­ner wun­der­vol­len blau­en Haut, die im gan­zen Uni­ver­sum als wirk­lich schö­ne Far­be betrach­tet wird, seid ihr Men­schen farb­los. Aber, wie man im Uni­ver­sum so schön sagt, ist farb­los nun ein­mal farb­los, ist farb­los, ist …“

… farb­los. Schon gut. Wir Men­schen sind irgend­wie farb­los, weil wir nicht blau sind.“

Es ent­stand eine kur­ze Pau­se, in der sie sich amü­siert ansa­hen.

Dann wur­de der Blick von Sven lang­sam erns­ter. Nach kur­zem Zögern sag­te er schließ­lich mit lei­ser Stim­me: „Du woll­test doch eben wis­sen, was mit mir pas­siert ist. Es war ein Unfall beim Schwim­men. Ich war von einem Absatz in einen See gesprun­gen, den ich nicht kann­te. Das Was­ser war nicht so tief, wie ich gedacht hat­te. Des­halb brach ich mir die Wir­bel­säu­le. Als ich im Kran­ken­haus auf­wach­te, war ich quer­schnitt­ge­lähmt.“ Vor­sich­tig strich sich Sven mit bei­den Hän­den über bei­de Ober­schen­kel. „Wenn ich so über sie strei­che, spü­re ich es nur an den Hän­den, aber nicht mehr an den Bei­nen. Ich kann nichts mehr mit ihnen machen.“

Sanft strich auch der Wel­ten-Hüp­fer über eines von Svens Bei­nen. „Spürst du mei­ne Berüh­run­gen auch nicht?“

Gar kei­ne, von nie­man­dem mehr.“ Svens Stim­me blieb dabei ganz ruhig.

Hm“, sag­te der Wel­ten-Hüp­fer, viel­leicht gibt es ja doch etwas Schlim­me­res als eine gel­be Nase im Uni­ver­sum. Ich will mich da aber noch nicht end­gül­tig fest­le­gen.“

Sven lach­te auf und hielt sich dabei schnell selbst die Hand vor den Mund. Dann sah er 111 fest an. „Auf eine wit­zi­ge Wei­se bist du ziem­lich arro­gant und über­heb­lich.“ Nach einer kur­zen Pau­se füg­te er erns­ter hin­zu: „Ich habe mich mit mei­ner Quer­schnitt­läh­mung abge­fun­den und mache das Bes­te draus. Ich habe Freun­de, unter­neh­me viel, gehe zur Schu­le und habe auch schon ein­mal an einem Wett­ren­nen für Rol­li­fah­rer teil­ge­nom­men.“

111 nick­te aner­ken­nend. Plötz­lich hup­te es drau­ßen auf der Stra­ße. Kurz zuck­te der Wel­ten-Hüp­fer zusam­men. „Auf eurer Welt gibt es Autos? Hil­fe! Sind sie schlank oder furcht­bar dick?“

Sven kicher­te mit ver­wun­der­tem Blick. „Es gibt kei­ne dicken oder schlan­ken Autos.“

Also sind alle nor­mal­ge­wich­tig?“, hin­ter­frag­te 111.

Was erzählst du denn da?“, sag­te Sven amü­siert.

Eure Autos müs­sen doch etwas essen und offen­bar habt ihr einen Weg gefun­den, dass sie sich nicht über­fres­sen und somit dick wer­den.“ Wäh­rend 111 das sag­te, wan­der­te sein Blick hin­über zum Fens­ter. In sei­nem Blick spie­gel­te sich Sor­ge wider.

Autos bekom­men auf unse­rer Welt Ben­zin oder Die­sel, den sie dann im Motor ver­bren­nen. Bei die­ser Ver­bren­nung ent­steht Ener­gie, die auf die Räder über­tra­gen wird, damit die Autos von Erwach­se­nen, die einen Füh­rer­schein haben, fah­ren kön­nen.“ Breit­grin­send sah Sven den Wel­ten-Hüp­fer an.

Ich ver­ste­he. Autos bekom­men in eurer Welt also Ben­zin oder Die­sel, die ein Motor ver­brennt und die dadurch gewon­ne­ne Ener­gie auf die Räder über­trägt, damit sich die Autos mit Hil­fe von erwach­se­nen Füh­rer­schein­be­sit­zern vor­wärts bewe­gen. Sehr inter­es­sant. Sie bekom­men also kei­ne Essens­res­te. Und auf die­se Wei­se blei­ben sie nor­mal­ge­wich­tig. Wirk­lich sehr inter­es­sant.“

Sven grins­te das blaue Wesen vor sei­nem Bett wei­ter­hin breit an. „Was erzählst du denn da? Nor­mal­ge­wich­ti­ge Autos. Das habe ich ja noch nie gehört. Wie dem auch sei. Dafür ent­ste­hen in unse­rer Welt bei der Ver­bren­nung stin­ken­de und gif­ti­ge Abga­se. Ein wirk­li­ches Pro­blem für die Umwelt und alle Lebe­we­sen. Ganz lang­sam geht die Ent­wick­lung aber hin zu Elek­tro­au­tos.“

Schön zu hören“, sag­te 111, „das mit der gif­ti­gen Stin­ke­rei müss­tet ihr Men­schen mit euren Autos auf jeden Fall noch in den Griff bekom­men. Aber das scheint mir doch leich­ter zu sein als die Pro­ble­me, die der Pla­net hat­te, als ich noch 46 hieß.“

Sven lach­te wie­der laut. Die­ses Mal leg­te sich aber eine blaue Hand auf sei­nen Mund. Als das Lachen erstickt war, lös­te sich die Hand von 111 wie­der von Svens Mund. Sven grins­te breit. Dann sag­te er: „Ent­schul­di­ge, aber es hört sich für mich sehr lus­tig an, wenn du sagst, als ich noch 46 hieß.“

Der Wel­ten-Hüp­fer wink­te nur ver­ständ­nis­los mit sei­ner rech­ten blau­en Hand ab. „Willst du die Geschich­te mei­ner 46. Rei­se hören?“

Klar!“

Lang­sam setz­te sich 111 auf den Rand des Bet­tes. Tief atme­te er dabei durch. Dann sag­te er mit gewich­ti­gem Ton­fall: „Du ahnst es nicht. Aber als ich mei­nen 46. Wel­ten-Hüp­fer mach­te, da lan­de­te ich doch auf einem Pla­ne­ten, in dem es nur so von über­ge­wich­ti­gen Autos wim­mel­te. Die Lebe­we­sen dort hat­ten eine Tech­nik ent­wi­ckelt, durch die die Autos mit Essens­res­ten fuh­ren. Der Vor­teil liegt zunächst klar auf der blau­en Hand. Die Abga­se stin­ken nicht, die Umwelt wird daher nicht belas­tet und der Sprit ist güns­tig, weil er irgend­wie immer vor­han­den ist. Logisch, oder?“

Sven nick­te zustim­mend.

Gut“, sag­te der Wel­ten-Hüp­fer und fuhr fort: „Das Pro­blem die­ses Pla­ne­ten ist aber, dass die ein­fach alle Essens­res­te in die Tanks ihrer Autos wer­fen. Dadurch haben die Autos aber zu viel Nah­rung zur Ener­gie­ge­win­nung. Die Autos auf die­sem Pla­ne­ten wur­den daher mit der Zeit immer dicker. Nach eini­ger Zeit war es sogar so, dass kein Auto­be­sit­zer dort so viel hät­te fah­ren kön­nen, wie sein Auto eigent­lich hät­te fah­ren müs­sen, um nicht zuzu­neh­men. Es ent­stand ein Kreis­lauf. Ein ver­häng­nis­vol­ler Kreis­lauf. Je dicker die Autos wur­den, umso mehr Platz nah­men sie auf den Stra­ßen weg. Je weni­ger Platz da war, umso lang­sa­mer muss­ten die Autos gefah­ren wer­den. Je lang­sa­mer sie aber fuh­ren, umso weni­ger Ener­gie ver­brauch­ten sie. Da sie aber stän­dig mit Essens­res­ten gefüt­tert wur­den, wur­den sie so immer und immer dicker. Die Stra­ßen waren nach eini­ger Zeit mit dicken Autos im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes zuge­stopft. Wenn du nun glaubst, dass die­ser Ver­kehrs­kol­laps mit dicken Autos das Schlimms­te gewe­sen ist, was dort droh­te, dann irrst du gewal­tig. Die Lebe­we­sen dort — es waren übri­gens die mit den schwarz-weiß gestreif­ten Müt­tern, die selt­sa­mer­wei­se alle­samt schwarz-weiß gepunk­te­te Män­ner hei­ra­te­ten — muss­ten näm­lich ihrer­seits immer mehr essen, damit immer mehr Essen­res­te für die Autos anfie­len. Die über­ge­wich­ti­gen Autos hup­ten näm­lich wild drauf los, wenn sie Hun­ger ver­spür­ten. Der nahe­zu uner­träg­li­che Lärm auf die­sem Pla­ne­ten zwang die­se gestreif­te und gepunk­te­te mensch­li­che Lebens­form dazu, immer mehr zu essen, um immer mehr Essens­res­te zu pro­du­zie­ren. Es war ein wah­rer Teu­fels­kreis­lauf. Denn nun wur­den nicht nur die Autos immer und immer dicker, nein, nun wur­den auch die Lebe­we­sen dort immer dicker und dicker. Es war beängs­ti­gend. Ich war ein­fach nur froh, als ich von die­sem Pla­ne­ten weg kam. Damals lern­te ich viel über das Gefühl der Platz­angst …“

Der Wel­ten-Hüp­fer sah Sven an. „War­um beißt du in dei­ne Decke?“, frag­te er.

Damit ich vor Lachen nicht laut schreie“, gab Sven kurz zurück, um sofort wie­der in sei­ne Decke zu bei­ßen.

Du glaubst mir die Geschich­te mei­ner 46. Rei­se wohl nicht?“

Doch, doch“, sag­te Sven. „Einem blau­en Jun­gen mit der Erfah­rung eines Zehn­jäh­ri­gen glau­be ich alles.“

Nun bis­sen bei­de in die Decke, um die Laut­stär­ke ihres Lachens zu dämp­fen.

Als ers­ter bekam Sven sei­nen Lach­an­fall wie­der unter Kon­trol­le. Nach­dem er sei­ne Zäh­ne aus der Decke gelös­te hat­te, frag­te er 111: „Lan­dest du eigent­lich immer bei Lebens­for­men, die men­schen­ähn­lich sind?“

Meis­tens ja. Manch­mal lan­de ich aber auch auf Pla­ne­ten mit selt­sa­men Tie­ren.“

Oh, davon möch­te ich auch eini­ge Geschich­ten ger­ne hören.“ In Svens Stim­me lag ein Hauch von Quen­geln.

111 grins­te sei­nen farb­lo­sen Freund viel­ver­spre­chend an.

Sven lächel­te dar­auf­hin sei­nen blau­en Freund eben­falls an. „Eine Fra­ge hät­te ich da noch. Wie­so sprichst du eigent­lich mei­ne Spra­che? Und hast du alle Spra­chen bei dei­nen Rei­sen bis­her ver­ste­hen kön­nen?“

Der Wel­ten-Hüp­fer grins­te noch brei­ter als zuvor. „Das waren aber jetzt schon zwei Fra­gen. Aber ich will mal nicht so sein. Wenn ich auf einer Welt mit intel­li­gen­ten Lebens­for­men lan­de, beherr­sche ich ein­fach deren Spra­che von der ers­ten Sekun­de an. Das ist bei uns Wel­ten-Hüp­fern so. Ich muss aber jetzt schnell zurück, bevor mei­ne Mut­ter merkt, dass ich wie­der auf Rei­sen war. Es ist bes­ser, wenn sie erst mor­gen erfährt, dass ich 111 hei­ße.“

Kurz lach­te Sven auf, dann sah er sei­nen blau­en Freund ängst­lich an. „Sehe ich dich wie­der?“, frag­te er.

Bis­her bin ich nie­mals an einen Ort, den ich besucht hat­te, zurück­ge­kehrt. Doch dich mag ich sehr und mache eine Aus­nah­me, auch wenn du ziem­lich farb­los bist. Ich kom­me jetzt jeden Abend auf einen Sprung vor­bei …“

Im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes auf einen Sprung“, unter­brach Sven sei­nen neu­en Freund 111.

Ja, im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes. Ver­lass dich drauf. Ich glau­be, dass wir viel von­ein­an­der ler­nen und Spaß mit­ein­an­der haben kön­nen. Also dann bis mor­gen Abend, mein farb­lo­ser Freund.“

Bis mor­gen, mein blau­er Freund.“

Kurz lächel­ten sie sich noch ein­mal an. Dann beug­te 111 leicht sei­ne Knie und streck­te die Arme schüt­zend vor sich. „Hui, hui, hui, ich hüp­fe zu den Wel­ten. Hui, hui, hui, wo geht die Rei­se hin? Hui, hui, hui, ich hüp­fe zu den Wel­ten. Hui, hui, hui, doch nun geht es erst mal wie­der heim…“


Fort­set­zung folgt nächs­ten Frei­tag.

 

Idee & Text: Frank Mül­ler
Illus­tra­ti­on: Tat­ja­na Hintz