Der quer­schnitts­ge­lähm­te Sven bekommt Besuch aus dem Welt­all von einem Wel­ten-Hüp­fer namens 111. Das ist der Beginn einer Freund­schaft, die Anders­sein zulässt und gleich­zei­tig the­ma­ti­siert. Eine Fort­set­zungs­ge­schich­te für Kin­der und Erwach­se­ne

Zwei wun­der­schö­ne Bil­der zum Wel­ten-Hüp­fer beka­men wir geschenkt. Wir dan­ken Leana (9) und Emi­lia (7) ganz herz­lich für ihre Kunst­wer­ke, die wir ger­ne in den 3. Teil des Wel­ten-Hüp­fers ein­ge­baut haben. Das Team von pror­o­ba freut sich auf wei­te­re Zusen­dun­gen unter pror­o­ba, Hil­de­brand­str. 4f in 40215 Düs­sel­dorf. Kenn­wort: Wel­ten-Hüp­fer

Lächelnd lag Sven im Bett. Sei­ne Eltern hat­ten gera­de die Tür laut lachend zu gemacht. Er hat­te sie kurz zuvor auf das Köst­lichs­te mit einer Geschich­te amü­siert. Weil sei­ne Eltern ihm frü­her immer eine Gute­nacht­ge­schich­te erzählt hat­ten, war er auf die Idee gekom­men, sich dafür zu revan­chie­ren und ihnen mal eine Geschich­te zu erzäh­len, wäh­rend er im Bett lag. Eben hat­te er ihnen den aben­teu­er­li­chen Rei­se­be­richt von einem blau­häu­ti­gen Jun­gen erzählt, der per Hüp­fer von sei­nem Hei­mat­pla­ne­ten auf einem Pla­ne­ten mit der chao­tischs­ten Schiff­fahrt im gesam­ten Uni­ver­sum lan­de­te. Natür­lich hat­te er ihnen auch davon berich­tet, dass es für die Ras­se der Wel­ten-Hüp­fer nichts Schlim­me­res gibt, als sich bei einem Unfall eine gel­be Nase zu holen.
Die­se Vor­stel­lung fan­den Svens Eltern so kuri­os und abwe­gig, dass sie noch beim Ver­las­sen des Zim­mers herz­haft dar­über lach­ten. Bei­de Eltern­tei­le waren so begeis­tert von dem Rei­se­be­richt gewe­sen, dass sie sich mehr sol­cher Geschich­ten wünsch­ten. Außer­dem hat­te sein Vater ange­regt, dass Sven unbe­dingt die Geschich­ten auf­schrei­ben sol­le, damit viel­leicht eines Tages ein Buch dar­aus gemacht wer­den kann.

Hof­fent­lich kommt er bald. Ich kann es gar nicht mehr abwar­ten, ihn wie­der­zu­se­hen.“, flüs­ter­te Sven vor sich hin.

Kaum hat­te er den Satz been­det, kam wie aus dem Nichts 111 ange­sprun­gen. Da der Vater sich wäh­rend der Gute­nacht­ge­schich­te in Svens Roll­stuhl gesetzt hat­te, stand die­ser nun mit­ten im Raum, genau auf der Lan­de­flä­che von 111. Mit den blau­en Kni­en don­ner­te er vor eines der Räder und fiel mit dem Kopf vor­an über den Rol­li. Mit einer Kör­per­rol­le vor­wärts gelang es dem Wel­ten-Hüp­fer, das Schlimms­te zu ver­hin­dern und kaum Krach bei dem Unfall zu ver­ur­sa­chen. Und obwohl alles so wahn­sin­nig schnell gegan­gen war, hat­te Sven genug Zeit gehabt, um die Fall­tech­nik von 111 im höchs­ten Maß zu bewun­dern.

Die Ster­nen-Hüp­fer schie­nen in Sachen Fall­schutz bes­tens aus­ge­bil­det zu sein.
In Sekun­den­bruch­tei­len stand 111 wie­der auf sei­nen blau­en Füßen.
Panisch griff er sich ins Gesicht.

Mei­ne Nase! Was ist mit mei­ner Nase? Ist sie etwa gelb?“ „Nicht so laut“, zisch­te Sven.

Mei­ne Eltern kön­nen dich so hören.“
Mit weit auf­ge­ris­se­nen Augen sah 111 sei­nen Freund an.

Was ist nun mit mei­ner Nase? Ist sie etwa gelb?“, flüs­ter­te er ein­dring­lich.

Kann ich dir nicht sagen, wenn du die Hän­de vor dein Gesicht hältst.“
Svens Flüs­tern klang im Gegen­satz zu dem sei­nes Freun­des völ­lig ent­spannt.
Ruck­ar­tig riss 111 sei­ne Hän­de von sei­nem Gesicht und sah sei­nen Freund fra­gend an.

Sven mus­ter­te die Nase des Wel­ten-Hüp­fers. So ein­dring­lich, dass die Sekun­den, die dabei ver­stri­chen, sich für 111 wie Minu­ten anfühl­ten. Sven genoss ein wenig die Anspan­nung, unter der 111 ganz offen­bar stand. Dann sag­te er ganz lang­sam und ruhig:

Sie ist blau, ganz und gar und über­all blau. Genau wie ges­tern auch.“

Mit einem tie­fen Seuf­zer der Erleich­te­rung ließ sich der Wel­ten-Hüp­fer lang­sam auf den Boden sin­ken. Als er im Schnei­der­sitz ange­kom­men war, wisch­te er sich mit der rech­ten Hand so über die Stirn, als ob er Schweiß­per­len weg­wi­schen woll­te.

Der Schweiß der Wel­ten-Hüp­fer, ist der eigent­lich auch blau?“, frag­te Sven dar­auf­hin.

Klar, was denn sonst“, ant­wor­te­te 111. In sei­nem Gesichts­aus­druck war deut­lich zu erken­nen, dass er die­se Fra­ge für eine der unnö­tigs­ten Fra­gen im gesam­ten Uni­ver­sum hielt.

Alles an und in und von einem Wel­ten-Hüp­fer ist blau. Denn schließ­lich ist blau die schöns­te Far­be im gesam­ten Uni­ver­sum und auch die Far­be, die am bes­ten im gan­zen Uni­ver­sum riecht.“

Du kannst Far­ben rie­chen?“, platz­te es aus Sven her­vor.

Ich den­ke, wir sol­len lei­se sein“, ent­geg­ne­te 111.

Oh, ja“, sag­te Sven, der tat­säch­lich sei­ne Fra­ge ziem­lich laut gestellt hat­te. Dann flüs­ter­te er: „Und du kannst Far­ben echt rie­chen?“ 111 sah sei­nen Freund kopf­schüt­telnd an.

Aus dei­ner Fra­ge schlie­ße ich, dass du es wohl nicht kannst. Aber was soll man schon von einer so farb­lo­sen Lebens­form, wie der Mensch es ist, ande­res erwar­ten.“

Sven konn­te nicht anders, als sei­nen Freund wegen des­sen Bemer­kung breit anzu­grin­sen. Plötz­lich riss 111 sei­ne hell­blau­en Augen wie­der weit auf. Fast noch wei­ter als nach sei­ner Bruch­lan­dung und der Angst, ob er sich dabei eine gel­be Nase zuge­zo­gen haben könn­te.

Was ist?“, frag­te Sven. „Du siehst so aus, als ob du ein Gespenst gese­hen hät­test. Was ist mit dir?“

Was mit mir los ist, willst du von mir wis­sen?“ Mit dem blau­en Zei­ge­fin­ger sei­ner rech­ten Hand zeig­te er in die Ecke des Zim­mers, wo eigent­lich immer der Roll­stuhl stand.

Ich ver­ste­he immer noch nicht“, sag­te Sven ver­un­si­chert.

Da ste­hen doch nur ein paar Turn­schu­he von mir. Die sind doch cool, oder?“

Dei­ne Turn­schu­he dür­fen mit in die­sem Zim­mer schla­fen?“, frag­te der Wel­ten-Hüp­fer völ­lig ent­setzt.

Sven sah sei­nen blau­en Freund fas­sungs­los an. Nach­dem er ein paar­mal ver­ständ­nis­los den Kopf geschüt­telt hat­te, frag­te er:

Was heißt hier schla­fen? Die ste­hen da in der Ecke her­um. Ich kann zwar mei­ne Bei­ne nicht so benut­zen, wie ich es ger­ne machen wür­de, aber da ich in mei­nem Rol­li zumin­dest cool aus­se­hen will, zie­he ich immer coo­le Turn­schu­he an. Die sind doch super cool, oder etwa nicht?“

111 nick­te zustim­mend. Sei­nem Gesichts­aus­druck war aber deut­lich anzu­se­hen, dass er den Turn­schu­hen äußerst miss­trau­isch gegen­über war. Es ent­stand eine Pau­se. Dann ergriff 111 wie­der das Wort.

Eure Turn­schu­he schla­fen also nicht, son­dern sie schei­nen nur her­um zu ste­hen, wenn man sie aus­ge­zo­gen hat. Das ist wirk­lich unglaub­lich!“

Kopf­schüt­telnd lehn­te sich 111 zurück und betrach­te­te mit einer dicken Por­ti­on Arg­wohn wei­ter die Turn­schu­he, die in der Ecke stan­den.

Nein, unse­re Turn­schu­he schla­fen nicht, das kannst du mir ruhig glau­ben. Nicht nur Turn­schu­he schla­fen nicht, son­dern alle Schu­he schla­fen nicht. Ent­we­der trägt man Schu­he an den Füßen und läuft mit ihnen her­um oder man trägt sie und fährt damit in einem Rol­li her­um oder man hat die Schu­he aus­ge­zo­gen und dann ste­hen sie in einem Schuh­schrank oder im Trep­pen­haus oder halt irgend­wo anders her­um. Man­che Men­schen stel­len sie schön in eine Rei­he hin und ande­re schie­ßen sie beim Aus­zie­hen ein­fach in die Ecke.“

Da habt ihr hier auf der Erde aber tota­les Glück gehabt“, sag­te 111.

Was hat das mit Glück zu tun?“, woll­te Sven wis­sen.

Also dann hör mal gut zu. Auf einer Rei­se, als ich noch 27 hieß, lan­de­te ich auf einem Pla­ne­ten, wo Turn­schu­he so ziem­lich alles im Leben der dor­ti­gen Bewoh­ner beein­fluss­ten. Sogar ganz maß­geb­lich beein­fluss­ten. Alle dort waren wirk­lich sehr durch­trai­niert. Das Eigen­tüm­lichs­te an die­ser oran­ge­far­be­nen Men­schen­ras­se waren in der Tat die­se wind­schnit­ti­gen Ohren. So etwas gibt es im gesam­ten Uni­ver­sum bestimmt kein zwei­tes Mal. Wie dem auch sei. Alles hat­te damit ange­fan­gen, dass irgend­je­mand Turn­schu­he ent­wi­ckelt hat­te, die in den Soh­len mit einer Ener­gie auf­ge­tankt waren. Die­se Ener­gie ver­half dem Turn­schuh­trä­ger, deut­lich schnel­ler als zuvor zu lau­fen. Die­se Turn­schu­he wur­den natür­lich ein tota­ler Mode­hit. Jeder woll­te die­se Turn­schu­he haben. Natür­lich ver­such­te jeder Sport­ar­ti­kel­her­stel­ler, selbst der­ar­ti­ge Ener­gie-Turn­schu­he auf den Markt zu brin­gen. Fast jeden Monat kamen neue Model­le auf den Markt. Und jedes Modell war mit noch mehr Ener­gie aus­ge­stat­tet. Die Turn­schuh­trä­ger die­ses Pla­ne­ten konn­ten auf die­se Wei­se immer schnel­ler und schnel­ler ren­nen. Irgend­wann ein­mal kam irgend­je­mand auf die Idee, für die­se Turn­schu­he Tank­stel­len zu ent­wi­ckeln. Hier konn­ten die Ener­gie-Turn­schu­he mit fri­scher Ener­gie auf­ge­tankt wer­den, zu jeder Tages- und Nacht­zeit.“

Das ist doch total super. Mit sol­chen Turn­schu­hen könn­te ein Mensch mit gesun­den Bei­nen auf mei­ner Erde jeden Welt­re­kord bre­chen!“, warf Sven ein.

Sei nicht so vor­ei­lig“, sag­te 111. „Zunächst waren auch alle auf die­sem Pla­ne­ten begeis­tert. Das Lau­fen war viel ein­fa­cher als je zuvor. Die Fahr­rä­der wur­den ein­fach ste­hen­ge­las­sen und es wur­de gelau­fen und gelau­fen und gelau­fen. Der Volks­ge­sund­heit tat dies sehr gut. Die Bewoh­ner wur­den immer schlan­ker und schlan­ker, immer sport­li­cher und sport­li­cher und die Ohren immer wind­schnit­ti­ger und wind­schnit­ti­ger.“

Aber die Sache hat wie jede dei­ner Geschich­ten natür­lich ein selt­sa­mes Pro­blem“, merk­te Sven an.

Und was für ein Pro­blem, mein farb­lo­ser Freund. Nie­mand konn­te mehr genau den Zeit­punkt fest­le­gen, wann es geschah. Aber eines lie­ben Tages hat­ten die­se Super-Ener­gie-Turn­schu­he so eine Art Eigen­le­ben ent­wi­ckelt. Die Turn­schu­he woll­ten nur noch in Bewe­gung sein. Und das mög­lichst mit einem Bewoh­ner. Die Ereig­nis­se auf die­sem Pla­ne­ten über­schlu­gen sich förm­lich, als klar wur­de, dass die Super-Ener­gie-Turn­schu­he nicht mehr ruhig ste­hen konn­ten. Dass sie noch nicht ein­mal mehr Schlaf brauch­ten.“

Jetzt ver­ste­he ich das mit dem Schla­fen und den Turn­schu­hen“, sag­te Sven.

Nichts ver­stehst du. Glaub mir, dass du dir die Aus­wir­kun­gen die­ser Ent­wick­lung für die­sen Pla­ne­ten gar nicht vor­stel­len kannst. Die Turn­schu­he hat­ten von einem Tag zum ande­ren gelernt, wie sie sich selbst bewe­gen konn­ten. Gelernt, wie sie sich selbst mit Ener­gie an den Schuh­tank­stel­len ver­sor­gen kön­nen. Und die armen Bewoh­ner die­ses Pla­ne­ten. Was muss­ten sie ab sofort nicht alles ler­nen. Sie muss­ten ler­nen, dass auf ihrer Welt ein­fach nur noch gerannt wur­de. Nichts, ein­fach gar nichts mehr wur­de mit Ruhe und Lang­sam­keit abge­wi­ckelt. Alles ging nur noch schnell, schnell, schnell. Die Ein­käu­fe wur­den im Dau­er­lauf erle­digt und das Bezah­len an der Kas­se natür­lich auch. Das Duschen und das Zäh­ne­put­zen fan­den genau­so im Dau­er­lauf statt wie das ins Kino­ge­hen oder eine Klas­sen­ar­beit zu schrei­ben …“

Die muss­ten ihre Klas­sen­ar­beit wäh­rend des Lau­fens schrei­ben?“ frag­te Sven und muss­te bei der Vor­stel­lung, wie sei­ne Leh­re­rin immer hin­ter ihm und sei­ner Klas­se her­lau­fen wür­de, um zu ver­hin­dern, dass gepfuscht wird, laut lachen.

Psssst!“, flüs­ter­te 111 war­nend. „Nicht, dass dei­ne Eltern uns hören.“
Wie schon so oft in der Gegen­wart von 111 hielt sich Sven sei­nen Mund zu, um sein Lachen zu dämp­fen.

Du hast gut lachen“, sag­te 111 mit erns­tem Gesichts­aus­druck. Zu Beginn die­ser Ent­wick­lung lach­ten auch noch vie­le der Bewoh­ner mit. Es sah ja auch lus­tig aus, wenn ein Ver­käu­fer sei­ne Kun­den im Lauf­schritt über sei­ne Waren infor­mier­te oder wenn die Poli­ti­ker ihre Wahl­pla­ka­te die gan­ze Zeit mit sich her­um­tru­gen, weil sie ja ohne­hin die gan­ze Zeit in ihren Wahl­be­zir­ken her­um­lie­fen. Ja, es gab zu Beginn wirk­lich vie­le Situa­tio­nen, über die gelacht wur­de. Doch das Lachen ver­ging den Bewoh­nern sehr schnell. Stell dir ein­mal vor, dass du nur noch rennst und rennst und rennst …“

Das stel­le ich mir jeden Tag vor. Manch­mal träu­me ich sogar davon“, warf Sven mit gedämpf­ter Stim­me ein.

Die blau­en Augen von 111 blick­ten schlag­ar­tig ganz trau­rig. „Natür­lich träumst du viel davon. Es tut mir leid. Viel­leicht wäre es bes­ser gewe­sen, ich hät­te die­se Geschich­te nicht erzählt.“ Unsi­cher sah er Sven an.

Nein, nein. Es ist schon alles okay! Mei­ne Quer­schnitt­läh­mung gehört nun mal zu mei­nem Leben. Mache dir kei­ne Gedan­ken dar­um. Alles ist gut. Erzähl bit­te wei­ter. Ich bin gespannt, wie es wei­ter geht.“ Sven warf sei­nem Freund ein Lächeln zu.

Um 111 den Wie­der­ein­stieg in die Geschich­te zu erleich­tern, frag­te er: „War­um zogen die Bewoh­ner des Pla­ne­ten nicht ein­fach die Turn­schu­he aus und setz­ten sich auf ihre Füße?“

Glaub mir, dass die Bewoh­ner wirk­lich alles ver­sucht hat­ten, um kei­ne Turn­schu­he mehr anzu­zie­hen. Aber es half nichts. Sie muss­ten sich den Turn­schu­hen ein­fach beu­gen.“

War­um?“, frag­te Sven grin­send.

Jeder, der kei­ne Turn­schu­he trug, wur­de von ihnen förm­lich ver­folgt. Und das nicht nur von einem Paar Turn­schu­he, nein, son­dern von zehn oder zwan­zig oder sogar drei­ßig Paar Turn­schu­hen.“

Wo kamen die denn über­all her?“, woll­te Sven wis­sen.

Die Turn­schuh­fa­bri­ken auf die­sem Pla­ne­ten waren voll­au­to­ma­tisch. Das heißt, dass alles com­pu­ter­ge­steu­ert war. Um die Pro­duk­ti­on zu stop­pen, hät­te man eine lan­ge Befehls­rei­he in die jewei­li­gen Com­pu­ter ein­ge­ben müs­sen. Dazu bräuch­te man aber Zeit. Und die gab es ja nicht mehr. Auch für die Com­pu­ter­spe­zia­lis­ten nicht mehr, da auch die nur noch im Dau­er­lauf unter­wegs waren. Alle rann­ten immer an den Com­pu­tern in einem Wahn­sinns­tem­po vor­bei. So schnell, dass es gera­de zu schaf­fen war, einen Buch­sta­ben auf den Tas­ta­tu­ren zu tref­fen. Die Maschi­nen pro­du­zier­ten des­halb rund um die Uhr Turn­schu­he, Turn­schu­he und noch mehr Turn­schu­he. Als ich dort war, ver­such­te man gera­de, einen Wett­kampf zu orga­ni­sie­ren. 100 Läu­fer soll­ten an den Tas­ta­tu­ren vor­bei ren­nen und jeweils eine Tas­te tref­fen. So hoff­te man, eine voll­stän­di­ge Befehls­ket­te ein­ge­ben zu kön­nen, um die Pro­duk­ti­on der Turn­schuh­flut zu been­den. Wie es aus­ging, weiß ich natür­lich nicht. Bis ich dort war, wur­de in jedem Fall rund um die Uhr ein Paar Turn­schu­he nach dem ande­ren pro­du­ziert.“

Und alle Turn­schu­he woll­ten natür­lich einen Besit­zer oder eine Besit­ze­rin“, sag­te Sven nach­denk­lich.

Ganz genau. Und so wur­de jeder von den über­zäh­li­gen Turn­schu­hen ver­folgt. So lan­ge, bis sie end­lich getra­gen wur­den. Da die Bewoh­ner die­ses Pla­ne­ten sich ver­folgt fühl­ten, wur­den Benut­zer­lis­ten ein­ge­führt. Jedem wur­de eine Anzahl von Turn­schu­hen zum täg­li­chen Belau­fen zuge­teilt. Rund um die Uhr. Der Wech­sel der Turn­schu­he fand natür­lich auch im Lau­fen statt, genau wie das Schla­fen.“

Auch wäh­rend des Schla­fens muss­te gelau­fen wer­den?“, frag­te Sven ungläu­big.

Ja, natür­lich“, sag­te der Wel­ten-Hüp­fer.

Zum Schla­fen gin­gen die Bewoh­ner des Pla­ne­ten auf Lauf­bän­der. Die Turn­schu­he lie­fen ja qua­si wie von selbst. Von der Decke hin­gen Gur­te her­un­ter, in die man sich hän­gen konn­te, damit man nicht wäh­rend des Dau­er­lauf­schla­fes umfiel. Auch die Kin­der muss­ten im Lau­fen schla­fen. Für sie wur­den alle Mär­chen auf die­sem Pla­ne­ten neu erzählt. Die Mär­chen ende­ten durch die­se Turn­schuh­ka­ta­stro­phe alle mit dem Satz: Und wenn sie nicht gestor­ben sind, dann ren­nen sie noch heu­te.“

Wie wit­zig“, sag­te Sven. Der Wel­ten-Hüp­fer wink­te nur ab.

Ich war zwar nur fünf Stun­den auf dem Pla­ne­ten, aber ich hat­te drei Wochen nur Mus­kel­ka­ter. Kei­nen Hüp­fer konn­te ich in der Zeit mehr machen. Mein gan­zer blau­er Kör­per schmerz­te nur. Ich kann dir sagen, dass ich nie­mals zuvor und nie­mals danach so viel gerannt bin wie auf die­sem Pla­ne­ten.“

Ich den­ke, die Turn­schu­he lie­fen fast wie von selbst?“ warf Sven ein.

Ja, bei den Bewoh­nern ja. Ich hat­te aber nicht sol­che Turn­schu­he!“

War­um nicht? Ich den­ke, es gab genug!“ sag­te Sven.

Für die Leu­te dort gab es mehr als genug. Mir pass­ten die Turn­schu­he aber nicht. Wie ihr seht, habe ich sehr schlan­ke wohl­ge­form­te blaue Füße. Die Lebe­we­sen dort hat­ten aber ziem­lich vier­ecki­ge Füße. Also waren auch die Turn­schu­he ziem­lich vier­eckig. Und da ich mich mit den Bewoh­nern unter­hal­ten woll­te, muss­te ich auf mei­nen wun­der­schö­nen blau­en Füßen neben ihnen her­lau­fen. Es war der anstren­gends­te Besuch eines Pla­ne­ten, den ich je gemacht hat­te. Und die­ser Mus­kel­ka­ter! Ein­fach furcht­bar! Aber das war immer noch bes­ser als sich …“

.. eine gel­be Nase zu holen“, warf Sven lei­se lachend ein.

Ganz genau“, sag­te der Wel­ten-Hüp­fer.

Was ich noch nicht ganz ver­ste­he, ist, war­um haben die Men­schen mit den vier­ecki­gen Füßen vor den Com­pu­tern kei­ne Schlaf­lauf­bän­der auf­ge­stellt, damit die Pro­gram­mie­rer in Ruhe die Befehls­ket­te ein­ge­ben konn­ten?“

Weil die Turn­schu­he dort alles ande­re als doof sind“, ant­wor­te­te 111.

Die wol­len ja schließ­lich, dass immer mehr Turn­schu­he pro­du­ziert wer­den und die Men­schen dort stän­dig in Bewe­gung blei­ben. Es ist ein klein wenig, wie wür­de man es wohl auf dei­ner Welt sagen, ah ja, wie ein Katz- und Maus­spiel zwi­schen den Men­schen und den Schu­hen auf die­sem Pla­ne­ten.“

Die bei­den Freun­de lächel­ten sich kurz an. Dann hob 111 sei­ne rech­te blaue Hand zum Abschieds­gruß. „Ich muss lei­der wie­der nach Hau­se. Bis mor­gen, mein farb­lo­ser Freund.“

Bis mor­gen, mein blau­er Freund“, sag­te Sven.

Hui, hui, hui, ich hüp­fe zu den Wel­ten. Hui, hui, hui, wo geht die Rei­se hin? Hui, hui, hui, ich hüp­fe zu den Wel­ten. Hui, hui, hui, nun geht es aber erst mal wie­der heim.“

Idee und Text:  Frank Mül­ler