Der quer­schnitts­ge­lähm­te Sven bekommt Besuch aus dem Welt­all von einem Wel­ten-Hüp­fer namens 111. Das ist der Beginn einer Freund­schaft, die Anders­sein zulässt und gleich­zei­tig the­ma­ti­siert. Eine Fort­set­zungs­ge­schich­te für Kin­der und Erwach­se­ne.


Schlaf schön. Und sieh dir bit­te nicht mehr zu lang die Zeit­schrift mit den Yach­ten an.“ Svens Mut­ter warf ihm noch einen Kuss zu, bevor sie die Zim­mer­tür schloss.

Sven lieb­te Zeit­schrif­ten mit Boo­ten und Yach­ten. Stun­den­lang konn­te er dar­in blät­tern und davon träu­men, wie er selbst ein­mal Kapi­tän eines Schif­fes sein wür­de. Hin­steu­ern, wohin man möch­te. Die Frei­heit besit­zen, fer­ne Län­der und Inseln zu besu­chen und immer gleich­zei­tig von Was­ser umge­ben sein. Schö­ner konn­te sich Sven sein Leben nicht aus­ma­len. Im Was­ser fühl­te er sich wohl. Die­ser fast schwe­re­lo­se Zustand, das Tau­chen, das sich Hin­trei­ben­las­sen und Schwim­men ließ ihn immer sei­ne Quer­schnitt­läh­mung ver­ges­sen. Im Was­ser konn­te er sich so bewe­gen, dass er sich frei fühl­te. Doch woher soll­te er einen Kof­fer­raum vol­ler Geld neh­men? Sein Vater hat­te ihm gesagt, dass er so viel Geld für sei­ne Trau­m­yacht bräuch­te. Aber im Moment war das neben­säch­lich. Jetzt woll­te er ein­fach nur in der Zeit­schrift blät­tern und schö­ne Bil­der von Schif­fen, dem Meer und wei­ßen Strän­den in sich auf­sau­gen, damit er in der Nacht hof­fent­lich davon träu­men wür­de.

Gera­de fiel Svens Blick auf eine Lis­te über die Leis­tungs­stär­ke einer Super­yacht, als plötz­lich wie­der sein blau­häu­ti­ger Freund mit­ten im Zim­mer stand. Die Knie waren wie­der leicht ange­win­kelt und die Hän­de hat­te er schüt­zend vor sein Gesicht gehal­ten.

Hal­lo 112“, sag­te Sven völ­lig ent­spannt, ohne sei­nen Blick von der Zeit­schrift zu lösen. „Hat dei­ne Mut­ter etwas von dei­nem gest­ri­gen Aus­flug auf den Pla­ne­ten Erde mit­be­kom­men?“, frag­te Sven mit demons­tra­tiv gespiel­ter Ruhe wei­ter.

Lang­sam ließ der Wel­ten-Hüp­fer die Arme sin­ken. „Ja, sie hat alles mit­be­kom­men. Zu mei­ner Über­ra­schung war sie aber nicht böse. Im Gegen­teil, sie war hoch erfreut, dass ich den Weg zur Erde gefun­den habe. Bis­her haben nur sie­ben Wel­ten-Hüp­fer die Men­schen besucht und alle waren von der Arten­viel­falt der Natur begeis­tert. Der letz­te Kon­takt zu den Men­schen, so sagt mei­ne Mut­ter, ist schon 222 Jah­re her. Alle sind jetzt sehr neu­gie­rig, was sich auf der Erde so getan hat. Vor allem, wie sich die Tech­nik und die Wis­sen­schaft ent­wi­ckelt hat. Vor 222 Jah­ren war alles, was mit die­sen The­men zu tun hat, galak­tisch betrach­tet sozu­sa­gen noch in den Kin­der­schu­hen. Alle Wel­ten-Hüp­fer, die Kon­takt zur Erde hat­ten, sahen aber ein gro­ßes Ent­wick­lungs­po­ten­zi­al bei den Men­schen. Auch wenn man sich über vie­le Din­ge hier auf der Erde nur wun­dern kann. Wir Wel­ten-Hüp­fer wun­dern uns ja ger­ne. Und des­halb habe ich von mei­ner Mut­ter die Erlaub­nis bekom­men, dich auf der Erde in der nächs­ten Zeit zu besu­chen.“

Super“, warf Sven begeis­tert ein.

Mei­ne Mut­ter war sehr über­rascht, dass die Men­schen Autos ent­wi­ckelt haben, die mit Ben­zin und Die­sel fah­ren und dabei die schö­ne Umwelt die­ses Pla­ne­ten ver­gif­ten. Und ich war sehr über­rascht, als ich von mei­ner Mut­ter erfuhr, dass ihr Men­schen eurem Pla­ne­ten den lang­wei­li­gen Namen Erde gege­ben habt. So etwas fan­ta­sie­lo­ses kann nur von einer farb­lo­sen Spe­zi­es, wie ihr es seid, erdacht wer­den. Erde! Puh! Da hät­tet ihr euren Pla­ne­ten auch direkt Matsch nen­nen kön­nen.“ Ver­ständ­nis­los schüt­tel­te der Wel­ten-Hüp­fer sei­nen blau­en Kopf. Dann füg­te er eben­falls kopf­schüt­telnd hin­zu: „Im Übri­gen hei­ße ich immer noch 111.“

Aber war­um?“, frag­te Sven. „Ich den­ke, dass du nach jeder Rei­se einen neu­en Namen erhältst?“

Ich bekom­me jedes Mal einen neu­en Namen, wenn ich von einer Rei­se zu einem neu­en Pla­ne­ten zurück­keh­re. Nun wer­de ich aber eini­ge Rei­sen zur Erde machen. Genau gesagt, rei­se ich immer zu dir. Das ist aber für uns Wel­ten-Hüp­fer kein Grund, den Namen jedes Mal zu ändern. Erst wenn ich einen neu­en Pla­ne­ten auf­su­che, wer­de ich mich nament­lich wei­ter ent­wi­ckeln. Mer­ke dir also gut, dass ich vor­erst 111 hei­ße.“

Ich wer­de es mir mer­ken, aber ich wer­de dich trotz­dem wei­ter­hin nur Wel­ten-Hüp­fer nen­nen.“ Sven zwin­ker­te sei­nem blau­en Freund kurz zu.

Was siehst du dir da an?“, frag­te der Wel­ten-Hüp­fer neu­gie­rig, wäh­rend er auf Svens Bett zutrat.

Ich lie­be Schif­fe und das Was­ser. Gan­ze Tage könn­te ich davon träu­men.“ Lie­be­voll dreh­te Sven die auf sei­nem Bauch lie­gen­de Zeit­schrift so, dass 111 gut sehen konn­te. „Mein Vater hat einen Boots­füh­rer­schein und fährt manch­mal mit mir auf Seen her­um. Ent­we­der mit einem klei­nen Segel­boot oder mit einem klei­nen Motor­boot. Auch wenn es nicht so gro­ße Yach­ten sind, macht es super viel Spaß.“

Fas­zi­nie­rend“, sag­te 111. „Das ist wirk­lich eine sehr schö­ne Yacht. Was ich aber nicht ver­ste­he, ist Fol­gen­des: Im gest­ri­gen Gespräch habe ich erfah­ren, dass die erwach­se­nen Men­schen auf der Erde einen Füh­rer­schein für Autos machen müs­sen, weil sie wahr­schein­lich die Kraft der Autos beherr­schen ler­nen müs­sen. War­um aber braucht man nun für die Schiff­fahrt auch Füh­rer­schei­ne? Die Schif­fe haben schließ­lich kei­ne Kraft, die gebän­digt wer­den muss, damit kei­ne Unfäl­le oder so pas­sie­ren. Das Was­ser über­nimmt doch den Trans­port der Schif­fe. Wozu also einen Füh­rer­schein machen?“

Ich ver­ste­he dei­ne Fra­ge nicht.“, sag­te Sven irri­tiert. „Jedes Baby weiß doch, dass Schif­fe ent­we­der durch die Kraft von Moto­ren ange­trie­ben wer­den oder durch die Kraft des Win­des beim Segeln. Ich ver­ste­he des­halb nicht, was du damit meinst, wenn du sagst, dass das Was­ser doch den Trans­port der Schif­fe über­nimmt. Das Was­ser trägt die Schif­fe nur. Die Schif­fe kön­nen sich zwar mit der Strö­mung in Flüs­sen und in den Mee­ren auch trei­ben las­sen, um aber gezielt von einem Hafen in den ande­ren zu gelan­gen, müs­sen die Schif­fe schon über das Was­ser fah­ren. Sie brau­chen daher einen Antrieb und eine Steue­rung. Ein Schiff, das im Was­ser treibt, kann man nicht steu­ern. Das weiß ich alles hun­dert­pro­zen­tig aus den Zeit­schrif­ten und vom Segeln und Motor­boot­fah­ren mit mei­nem Vater.“

Kon­zen­triert hat­te der Wel­ten-Hüp­fer zuge­hört. Nun beug­te er sich zu Sven vor. Ihre Gesich­ter waren schließ­lich dicht bei­ein­an­der.

Ich ver­ste­he“, sag­te 111 lang­sam und betont. „Die Schif­fe auf der Erde benö­ti­gen also einen Antrieb wie die Autos. Die motor­be­trie­be­nen Schif­fe ver­bren­nen also auch Ben­zin oder Die­sel, habe ich recht?“

Ja, nur dass die Kraft, die bei der Ver­bren­nung des Treib­stof­fes im Motor ent­steht, nicht auf Räder, son­dern auf eine Schiffs­schrau­be über­tra­gen wird. Die dreht sich dann ent­we­der links oder rechts im Was­ser her­um und treibt so das Boot an. Mit einer Pin­ne oder einem Steu­er­rad kann man dann ein Ruder­blatt bewe­gen, so dass das Schiff in eine bestimm­te Rich­tung gesteu­ert wer­den kann.“ Sven blick­te sei­nem Freund dabei tief in die Augen. Ein so schö­nes Blau hat­te er noch nie zuvor gese­hen.

Ich ver­ste­he“, sag­te 111 wie­der ruhig und betont. „Und wie funk­tio­niert das mit den Wind­schif­fen?“

Sven grins­te. „Die­se Schif­fe nennt man nicht Wind­schif­fe, son­dern Segel­boo­te. Der Wind bläst in die Segel die­ser Schif­fe. Es gibt sie wie die motor­be­trie­be­nen Schif­fe in den unter­schied­lichs­ten Grö­ßen. Sie wer­den zwar auch mit­hil­fe eines Ruder­blat­tes gesteu­ert, aber auch mit der Stel­lung der Segel. Die­se Art, sich über das Was­ser zu bewe­gen, ist schwie­ri­ger. Es macht aber auch irgend­wie viel mehr Spaß. Je nach­dem, wie man die Segel über eine Lei­nen­füh­rung in den Wind stellt, wird das Boot schnel­ler oder lang­sa­mer. Es gibt vie­le kom­pli­zier­te Segel­ma­nö­ver. Zum Bei­spiel das Kreu­zen. Man kann mit Segel­boo­ten näm­lich nicht direkt gegen den Wind fah­ren. Wenn man also ein Ziel errei­chen will, das in der Wind­rich­tung liegt, dann muss man im Zick­zack-Kurs gegen den Wind segeln …“

Und das nennt man Kreu­zen“, unter­brach der Wel­ten-Hüp­fer.

Genau. Und die Füh­rer­schei­ne für Motor­boo­te und für Segel­boo­te sind sehr schwie­rig. Es gibt sehr vie­le Regeln. Viel mehr als für das Auto­fah­ren“, sag­te Sven.

Wegen Unfäl­len.“

Auch. Man muss aber auch das Navi­gie­ren ler­nen, damit man über gro­ße Ozea­ne hin­weg auch den Weg fin­det. Anders als auf den Stra­ßen für Autos, gibt es auf der offe­nen See aber kei­ne Weg­wei­ser. Dort kann man sich zum Bei­spiel an den Ster­nen ori­en­tie­ren.“

Inter­es­sant“, sag­te 111 wie­der ruhig und betont. „Das hört sich in der Tat auf wei­ten Stre­cken sehr kom­pli­ziert an. Viel­leicht kön­nen wir eines Tages ja ein­mal einen Aus­flug mit einem Schiff unter­neh­men. Und wenn wir schon dabei sind, wür­de mich auch ein­mal eine Auto­fahrt auf eurem Pla­ne­ten inter­es­sie­ren. Es soll­te aber ein mög­lichst schnel­les und dabei auch kom­for­ta­bles Auto sein. Wenn man schon nicht durch Hüp­fer reist, dann legen wir Wel­ten-Hüp­fer viel Wert auf Annehm­lich­kei­ten.“ Lang­sam ent­fern­te sich 111 wie­der von sei­nem farb­lo­sen Freund

Sven grins­te sei­nen blau­en Freund breit an. Dann begann er nach­denk­lich zu nicken. „Das ist eine super Idee. Ich wer­de mir etwas ein­fal­len las­sen. Das Pro­blem wird nur sein, dass du als blau­es Wesen nicht von jedem gese­hen wer­den willst. Habe ich recht?“

Selbst­ver­ständ­lich will ich kein Auf­se­hen erre­gen. Die obers­te Pflicht eines jeden Wel­ten-Hüp­fers ist es, zu ver­hin­dern, dass sei­ne Nase gelb wird und die zweit­wich­tigs­te Pflicht ist es, sich auf frem­den Wel­ten mög­lichst ohne gro­ßes Auf­se­hen zu bewe­gen und den Kon­takt zu den Bewoh­nern zah­len­mä­ßig äußerst gering zu hal­ten.“

Ich fin­de die Rei­hen­fol­ge der obers­ten Regeln lus­tig. Ich hät­te sie genau anders­her­um gemacht.“ Sven lach­te.

Nicht nur für die Wel­ten-Hüp­fer, mein farb­lo­ser Freund, son­dern für sonst alle intel­li­gen­ten  Lebe­we­sen im Uni­ver­sum ist die­se Rei­hen­fol­ge klar wie Brüh­so­ße.“

Klar wie Brüh­so­ße? Ich schät­ze, dass du klar wie Kloß­brü­he meinst.“ Sven grins­te 111 wie­der breit an.

Genau, klar wie Kloß­brü­he. Genau das hat­te mei­ne Mut­ter mir gesagt, als sie mir von der Erde erzähl­te. Seit Gene­ra­tio­nen machen sich vie­le Wel­ten-Hüp­fer offen­bar lus­tig dar­über, dass es eine Lebens­form gibt, die klar wie Kloß­brü­he sagt.“ Kurz zuck­te er mit den Schul­tern. „Aber zurück zum eigent­li­chen The­ma. Die Rei­hen­fol­ge der obers­ten Regeln. Ich will bei dir und dei­nen Mit­men­schen nach­sich­tig sein, weil ihr ein­fach kei­ne Kon­tak­te zu Außer­ir­di­schen hat­tet. Zumin­dest kei­ne, die ihr groß mit­be­kom­men hät­tet. Ist viel­leicht sogar bes­ser so. So ist euch der Kon­takt zu den Wesen von dem Pla­ne­ten bis­her erspart geblie­ben, als ich noch 32 hieß. Und das sage ich dir ohne Über­trei­bung, dass die­se Wesen unter der chao­tischs­ten Schiff­fahrt im gesam­ten Uni­ver­sum zu lei­den haben.“

Und war­um?“, woll­te Sven wis­sen. „Weil die Schif­fe immer dicker und dicker wer­den?“, frag­te er lachend wei­ter.

Du unwis­sen­der Men­schen­jun­ge brauchst gar nicht so zu lachen. Im Uni­ver­sum gibt es halt eine Viel­zahl von Pro­ble­men, die wirk­li­che Pro­ble­me sind, auch wenn ihr Erden­be­woh­ner die­se lächer­lich fin­det. Mir scheint, auf eurem Pla­ne­ten gibt es eine Viel­zahl von Pro­ble­men nur des­halb nicht, weil ihr alles mit Füh­rer­schei­nen regelt. Aber es gibt Din­ge, die las­sen sich nun ein­mal nicht mit Füh­rer­schei­nen regeln …“

Wie gel­be Nasen“, platz­te es aus Sven her­vor.

111 schüt­tel­te über so viel Albern­heit ein­fach nur den Kopf. „Du bist manch­mal ein­fach noch etwas unreif, mein farb­lo­ser Freund.“ Dabei hob er hoch­mü­tig die Nase. „Wir Wel­ten-Hüp­fer-Kin­der ent­wi­ckeln uns, wie ich dir ges­tern schon sag­te, offen­sicht­lich schnel­ler als ihr Men­schen­kin­der. Du erkennst ein­fach in dei­nem kind­li­chen Leicht­sinn den Ernst der Lage nicht.“

Sagt der alte, rei­fe Mann. Dann klär mich doch bit­te über den Ernst der Lage auf“, sag­te  Sven mit iro­ni­schem Unter­ton.

Also, um die Pro­ble­me mit der Schiff­fahrt die­ses Pla­ne­ten zu ver­ste­hen, musst du ver­ste­hen, dass das mit dem Was­ser und den Schif­fen dort ganz anders funk­tio­niert als hier auf der Erde.“

Und wie anders?“, frag­te Sven.

Ganz anders. Höre ein­fach genau zu und du wirst begrei­fen. Also bei euch auf der Erde, wenn ich alles rich­tig ver­stan­den habe, fah­ren die Schif­fe über das Was­ser durch eige­ne Kraft oder durch die Kraft des Win­des. Flüs­se flie­ßen zwar in eine Rich­tung und es gibt auch Mee­res­strö­mun­gen, aber ein Schiff ist manö­vrier­un­fä­hig, wenn es sich nur dar­auf ver­lässt. Bevor ich von den Pro­ble­men die­ses Pla­ne­ten erzäh­le, habe ich noch eine Fra­ge: Fließt das Was­ser auf der Erde, wohin es will?“

Sven sah 111 irri­tiert an. „Was­ser kann nicht flie­ßen, wohin es will. Es kann eigent­lich immer nur berg­ab flie­ßen. Gibt es kein Gefäl­le in der Land­schaft, dann steht das Gewäs­ser. Dann ist es ein See. Ansons­ten fließt es mit unter­schied­li­cher Geschwin­dig­keit immer berg­ab, dann ist es ein Fluss. Und die meis­ten Flüs­se enden im Meer. Und im Meer gibt es Strö­mun­gen, die durch unter­schied­li­che Was­ser­tem­pe­ra­tu­ren und durch star­ke Win­de ent­ste­hen kön­nen. Reicht das als Ant­wort?“, woll­te Sven wis­sen.

Ja, jetzt weiß ich Bescheid und kann dich somit über den größ­ten Unter­schied zu die­sem Pla­ne­ten auf­klä­ren und war­um es dort die chao­tischs­te Schiff­fahrt im gan­zen Uni­ver­sum gibt.“

Schieß los“, dräng­te Sven. „Aber nicht zu laut, sonst platzt mei­ne Mut­ter auf ein­mal wie­der ins Zim­mer.“

111 nick­te. „Also, als ich auf dem besag­ten Pla­ne­ten lan­de­te, hol­te ich mir glück­li­cher­wei­se kei­ne gel­be Nase, dafür aber nas­se blaue Füße. Sehr nas­se blaue Füße. Weil über­all, wo man hin­sah, gab es Was­ser und noch mehr Was­ser. Ich dach­te im ers­ten Moment, dass sie dort über­haupt nur Was­ser hät­ten. Spä­ter erfuhr ich aber, dass es eine Rei­he klei­ner Ber­ge gibt, die aus dem Was­ser her­aus­ra­gen. Dort woh­nen die Wesen die­ses Pla­ne­ten aber nicht. Dort wer­den Bäu­me ange­pflanzt, aus denen dann neue Schif­fe gebaut wer­den. Denn alle auf die­sem Pla­ne­ten, auch die Tie­re und die gan­zen Nutz­pflan­zen, sind nur auf Schif­fen behei­ma­tet. Das gan­ze Leben auf die­sem Pla­ne­ten fin­det in der Tat nur auf Schif­fen statt.“

Super, da wür­de ich ger­ne mal hin“, sag­te Sven begeis­tert.

Sei nicht zu vor­ei­lig, mein farb­lo­ser Freund. Bis auf weni­ge Ber­ge mit Bäu­men gibt es dort wie gesagt nur Was­ser. Soweit so gut, aber auf die­sem Was­ser tum­meln sich Schif­fe, Schif­fe und noch mehr Schif­fe. Bis zum Hori­zont sieht man nichts als Schif­fe. Zuge­ge­ben, eines war schö­ner als das ande­re, aber es herrsch­te das tota­le Cha­os, weil kei­nes der Schif­fe über einen eige­nen Antrieb ver­füg­te.“

Ohne eige­nen Antrieb? Das kann ja gar nicht funk­tio­nie­ren!“, platz­te es aus Sven her­vor.

Ursprüng­lich hat es funk­tio­niert. Sogar bes­tens. Denn das Was­ser auf die­sem Pla­ne­ten kann den­ken …“

Das Was­ser dort ist so etwas wie ein Lebe­we­sen?“, frag­te Sven erstaunt.

Ja, genau. Es ist ein ein­zi­ges rie­si­ges Lebe­we­sen. Vor vie­len Mil­lio­nen Jah­ren, als die Schiff­fahrt auf die­sem Pla­ne­ten ent­wi­ckelt wur­de, über­nahm das Was­ser bereit­wil­lig den Trans­port der Schif­fe. Der Kapi­tän brauch­te nur sagen, wohin die Rei­se gehen soll­te, und das Was­ser trans­por­tier­te das Schiff an die gewünsch­te Posi­ti­on.“

Wie funk­tio­niert das denn?“, woll­te Sven wis­sen.

Du musst dir das so vor­stel­len, dass das Was­ser, das das Schiff unmit­tel­bar umgibt, ein­fach mit­samt dem Schiff in die gewünsch­te Rich­tung fließt.“

Also flie­ßen Tei­le des Was­sers ein­fach in der gro­ßen Was­ser­mas­se kreuz und quer her­um.“

Genau­so so funk­tio­niert es, Sven“, sag­te 111. „Oder bes­ser gesagt, so funk­tio­nier­te es vor lan­ger Zeit ein­mal. Das Pro­blem ist die­se gewal­ti­ge Anzahl von Schif­fen. Jedes hat ein ande­res Ziel und das Was­ser auf die­sem Pla­ne­ten ist schon vie­le Mil­lio­nen Jah­re alt. Es ist halt nicht mehr das Jüngs­te. Nie­mand sagt es offen, aber das Was­ser dort ist sehr alt. So alt, dass es Gedächt­nis­pro­ble­me ent­wi­ckelt hat. Es kann sich ein­fach nicht mehr die gan­zen Rei­se­zie­le die­ser gewal­ti­gen Anzahl von Schif­fen mer­ken.“

Und jetzt lan­det jedes Schiff nicht mehr dort, wo es eigent­lich hin woll­te?“, ana­ly­sier­te Sven.

Genau. Ich selbst war nach mei­nem Hüp­fer auf einem Schiff von einer Fami­lie gelan­det, die zum Schiff der Groß­el­tern woll­te. Ich muss schon sagen, dass die­se Men­schen­art ziem­lich grau war und Mün­der hat­te, wie man sie eigent­lich nur bei Fischen vor­fin­det.  Sie waren aber alle sehr nett, irgend­wie aber auch ziem­lich gestresst. Und das hat­te einen wirk­lich nach­voll­zieh­ba­ren Grund. Es herrsch­te dort das pure Cha­os. Bevor die­se Fami­lie zum Schiff der Groß­el­tern woll­te, hat­te man geplant, noch kurz beim Super­markt­schiff einen Stopp für ein paar Besor­gun­gen ein­zu­le­gen. Das Was­ser trieb das Schiff auch an, aber statt zum Super­markt, gelang­ten wir zunächst zu einem Hun­de­fri­sör­schiff. Dort blieb das Schiff gan­ze zwei Stun­den, bevor es wie­der los­fuhr. Über­ra­schen­der­wei­se kamen wir wäh­rend des War­tens sogar in die Nähe des Schif­fes der Groß­el­tern. In einem Abstand von nur zehn Metern fuh­ren sie vor­bei. Es reich­te gera­de aus, um ein paar Wor­te zu wech­seln und ein biss­chen zu win­ken. Schon waren sie wie­der weg. Die Groß­el­tern fuh­ren näm­lich gera­de gegen ihren Wil­len zu einem Bau­markt­schiff, wäh­rend wir an einem Schiff anleg­ten, das über und über mit Erb­sen bela­den war. Wir brauch­ten aber kei­ne Erb­sen und wie sich her­aus­stell­te, war das Erb­sen­schiff eigent­lich ein Kino­schiff, das unglück­li­cher­wei­se aber zu einem über­la­de­nen Land­wirt­schafts­schiff gebracht wor­den war, das ein­fach sei­ne über­zäh­li­gen Erb­sen bei ihm abge­la­den hat­te. Aus Mit­leid nahm jeder von uns dem Mann eine Tüte Erb­sen ab. Im gan­zen Uni­ver­sum ist bekannt, dass es in Kinos Pop­corn gibt, aber von Erb­sen in einem Kino hat noch nie jemand gehört. Der Kino­schiff­be­sit­zer war dem­entspre­chend aus­ge­spro­chen unglück­lich, ja, gera­de­zu ver­zwei­felt. Ich kann dir sagen, ich war ins­ge­samt über sie­ben Stun­den mit dem Schiff die­ser Fami­lie unter­wegs. In die­ser Zeit tra­fen wir gleich drei­mal das Schiff der Groß­el­tern. Aber immer nur kurz wäh­rend der Vor­bei­fahrt. Nach­dem sie am Bau­markt­schiff gewe­sen waren, sahen wir sie noch an einem Inter­net­schiff, an einem Dis­ko­the­ken­schiff und an einem Pom­mes­schiff lie­gen. Das war aller­dings end­lich ein­mal eine gute Sache, weil die Groß­el­tern so end­lich an ihre Cur­ry­wurst kamen, die sie mit ihren Kom­mu­ni­ka­to­ren, bei euch auf der Erde heißt das ja Tele­fon, schon vor zwei Jah­ren bestellt hat­ten. Lei­der hat­ten sie bis dahin kei­ne Gele­gen­heit gehabt, die Bestel­lung abzu­ho­len, weil sie das Pom­mes­schiff in den zwei Jah­ren nicht ange­trof­fen hat­ten. Es war wirk­lich ein ein­zi­ges Cha­os auf die­sem Pla­ne­ten. Das Was­ser trans­por­tier­te zwar die Schif­fe zügig in der Gegend her­um, aber nur sel­ten erreich­ten die Schif­fe ihr geplan­tes Ziel. Vie­le gaben dem Was­ser des­halb ein­fach ein fal­sches Ziel an. So brauch­ten sie sich nicht zu ärgern, wenn das Was­ser sie wie­der ein­mal an den fal­schen Ort gebracht hat­te und es erhöh­te sogar selt­sa­mer­wei­se die Chan­ce, dass man an die Stel­le gebracht wur­de, zu der man eigent­lich woll­te. Woll­te man zu einem Bäcker­schiff, so war es klug, dem Was­ser zu sagen, man wol­le zu einem Fit­ness­stu­dio­schiff. Und wenn man zu Kin­der­spiel­zeug­schif­fen woll­te, dann war es das Bes­te, dem Was­ser zu sagen, man müs­se drin­gend zu einem Schul­schiff. Die Kin­der auf die­sem Pla­ne­ten waren ver­ständ­li­cher­wei­se sehr glück­lich, weil immer, wenn sie zum Schul­schiff gebracht wer­den soll­ten, lan­de­ten sie auf einem Kin­der­spiel­zeug­schiff.“

Super! So etwas bräuch­ten wir drin­gend auf der Erde.“

Sven hat­te die Aus­sa­ge so laut gemacht, dass 111 ihm ein Zei­chen gab, lei­ser zu sein. „Den­ke aber auch an die Nach­tei­le. Wenn man sich dort mit einem guten Freund tref­fen möch­te, damit man zusam­men spie­len kann, dann könn­te es pas­sie­ren, dass eure Schif­fe den gan­zen Tag immer und immer wie­der anein­an­der vor­bei­fah­ren, bis ihr euch dann viel­leicht irgend­wann end­lich trefft. Ich sage dir nach eige­ner Erfah­rung, dass das sehr viel Ner­ven­kraft kos­tet.“

Ja, da ist was dran. Das stel­le ich mir auch ziem­lich doof vor“, sag­te Sven.

Oh“, ent­fuhr es dem Wel­ten-Hüp­fer. „Ich erzäh­le und erzäh­le und erzäh­le und ver­ges­se die Zeit dabei. Ich muss wie­der nach Hau­se. Tschüss.“

Bis mor­gen, 111“, sag­te Sven lächelnd.

Der Wel­ten-Hüp­fer lächel­te zurück. Deut­lich waren sei­ne hell­blau­en Zäh­ne dabei zu sehen. Dann sag­te er: „Hui, hui, hui, ich hüp­fe zu den Wel­ten. Hui, hui, hui, wo geht die Rei­se hin? Hui, hui, hui, ich hüp­fe zu den Wel­ten. Hui, hui, hui, nun geht es aber erst mal wie­der heim.“


Fort­set­zung folgt nächs­ten Frei­tag.

 

Idee & Text: Frank Mül­ler
Illus­tra­ti­on: Tat­ja­na Hintz