Der Schlag­an­fall ihres Man­nes vor mehr als zwei Jah­ren hat ihr Leben ver­än­dert. Frau M. hat heu­te noch die Gescheh­nis­se jenes Abends vor Augen, an dem ihr Mann sich plötz­lich nicht mehr rich­tig bewe­gen konn­te und auch kei­ne Wor­te mehr her­aus­brach­te, um um Hil­fe zu bit­ten. Vor­aus­ge­gan­gen war ein Ver­wand­ten­be­such, eigent­lich war der Tag ruhig ver­lau­fen: alle waren dabei, sich bett­fer­tig zu machen. Dann ging es aber Schlag auf Schlag: der Kran­ken­wa­gen wur­de geru­fen. Die Sani­tä­ter ver­mu­te­ten eine Hirn­blu­tung. Spä­ter im Kran­ken­haus sahen die Ärz­te eine OP unum­gäng­lich, um den Druck aus­zu­glei­chen.

Heu­te ver­bringt Herr M., bei dem die Ärz­te einen wach­ko­ma­ähn­li­chen Zustand dia­gnos­ti­zie­ren, viel Zeit im Bett oder auch im Roll­stuhl, in einem leben­di­gen Haus­halt, mit sei­nen zwei erwach­se­nen Söh­nen und sei­ner Frau, unter­stützt von einem Assis­tenz­team, dass sei­ne Bedürf­nis­se kennt und sei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on über Mimik und Ges­tik ver­steht. Das Bett des Vaters steht im Wohn­raum, da, wo ein gro­ßer Teil des Fami­li­en­le­bens statt­fin­det.  Sei­ne Söh­ne haben eine enge Bezie­hung zum Vater, bin­den ihn in ihr Leben ein, erzäh­len ihm von allem, was für sie von Bedeu­tung ist.

Nach ein­ein­halb Jah­ren Unter­stüt­zung zuhau­se durch stän­dig wech­seln­de Pfle­ger eines Pfle­ge­diens­tes, in denen irgend­wie nie Ruhe ein­kehr­te, alle sich stän­dig auf neu­es Per­so­nal ein­stel­len muss­ten – in 14 Tage kamen manch­mal bis zu elf unter­schied­li­che Pfle­ge­kräf­te, konn­ten alle auf­at­men, als nach dem Start des Per­sön­li­chen Bud­gets Assis­ten­ten ein­ge­stellt wer­den konn­ten, die inzwi­schen schon fast Teil der Fami­lie sind. Zu der so ent­stan­de­nen Nor­ma­li­tät gehört das gegen­sei­ti­ge Inter­es­se, Gesprä­che über Erleb­nis­se und Sor­gen, die sich oft, aus einer ande­ren Per­spek­ti­ve betrach­tet, in Luft auf­lö­sen.

Vor allem der jün­ge­re Sohn, der gera­de kurz vor sei­nem Fach­ab­itur steht, hat sehr unter der ange­spann­ten häus­li­chen Situa­ti­on gelit­ten. Sei­ne Leis­tun­gen in der Schu­le lie­ßen nach und an die Stel­le sei­ner ruhi­gen, freund­li­chen Art war ein ver­schlos­se­nes Schwei­gen getre­ten. Wenn man ihm jetzt begeg­net, steht man einem Jugend­li­chen mit einem kla­ren Ziel vor Augen gegen­über, der auch wie­der offen ist für Neu­es.

Ohne die ein­ge­spiel­ten Pfle­ge­kräf­te wäre es auch für Frau M. undenk­bar gewe­sen, nach sehr lan­ger Zeit mit ihren Söh­nen einen zwei­wö­chi­gen Urlaub anzu­tre­ten. Sie konn­te sicher sein, dass ihr Mann in der Zwi­schen­zeit gut ver­sorgt war.

 

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