Wir sind kein Heim – wir brin­gen sie heim“

 

Es war ein furcht­ba­rer Schick­sals­schlag, als eine Stan­dard­ope­ra­ti­on die Toch­ter von Hil­de­gard und Diet­mar Baum­hof zur Wach­koma­pa­ti­en­tin mach­te. Kei­nes­falls woll­ten sie, dass ihre Toch­ter in einem Heim unter­ge­bracht wird. Also wur­de das Wohn­haus so umge­baut, dass die Vor­aus­set­zun­gen für die Pfle­ge und Betreu­ung in den eige­nen vier Wän­den gege­ben waren. Die Erkennt­nis­se und Erfah­run­gen führ­ten schließ­lich dazu, dass mit Freun­den, Unter­stüt­zern und Spen­dern 1995 der Ver­ein „Pati­en­ten im Wach­ko­ma e.V.“ gegrün­det wur­de. Heu­te bie­tet das Haus in Berg­neu­stadt bis zu acht Wach­koma­pa­ti­en­ten Platz und besitzt über die deut­schen Gren­zen hin­aus einen aus­ge­zeich­ne­ten Ruf.

Unser Ziel ist es seit mehr als 18 Jah­ren, dass soge­nann­te ‚aus­the­ra­pier­te‘ Wach­koma­pa­ti­en­ten zurück ins häus­li­che Umfeld kom­men kön­nen“, erläu­tert Hrachya Shal­jyan, der in Arme­ni­en Medi­zin stu­dier­te und von der ers­ten Stun­de an für den Ver­ein tätig ist. „Als „aus­the­ra­pier­te“ Fäl­le wer­den von uns Pati­en­ten bezeich­net, wenn Reha­kli­ni­ken — aus wel­chen Grün­den auch immer — kei­ne wei­te­ren Fort­schrit­te mit dem Wach­koma­pa­ti­en­ten erreicht haben. Dann wen­den sich sehr häu­fig die Ange­hö­ri­gen an uns, weil wir sehr erfah­ren im Bereich der Ent­fer­nung von Tra­che­al-Kanü­len, Kathe­tern und dem Aus­schlei­chen von unnö­ti­gen Medi­ka­men­te sind. Außer­dem stel­len wir mit unse­rem eige­nen Pfle­ge­dienst auch die Ernäh­rung auf pürier­te nor­ma­le Kost um. Dane­ben set­zen wir sehr viel Akzen­te auf Bewe­gung, auf Ste­hen und bie­ten täg­lich Moto­med-Trai­ning an. Das alles tun wir, weil wir beim PiW der Über­zeu­gung sind, dass Wach­koma­pa­ti­en­ten am bes­ten zu Hau­se, in der gewohn­ten Umge­bung und im fami­liä­ren Umfeld, auf­ge­ho­ben sind. Dabei ist uns die Pfle­ge­form eigent­lich egal. Wir haben gleich gute Erfah­run­gen mit der Pfle­ge und Betreu­ung über das Per­sön­li­che Bud­get, über die Sach­leis­tung und mit aus­län­di­schen Pfle­ge­kräf­ten gemacht. Haupt­sa­che die Pfle­ge fin­det zu Hau­se bei der Fami­lie statt.

In der Regel errei­chen wir bei uns in Berg­neu­stadt in drei bis sechs Mona­ten unse­re gesteck­ten Zie­le. In die­ser Zeit hel­fen wir auch inten­siv den Ange­hö­ri­gen, die häus­li­che Pfle­ge ein­zu­rich­ten und auf­zu­bau­en. Wenn dann im eige­nen Zuhau­se alles steht, arbei­ten wir die Pfle­ger in unser Kon­zept ein. Wenn alles stimmt und passt, ent­las­sen wir den Pati­en­ten nach Hau­se zu sei­ner Fami­lie. Für mich ist das jedes Mal ein ergrei­fen­der Moment. Man muss sich schließ­lich immer vor Augen hal­ten, dass ein Groß­teil der Wach­koma­pa­ti­en­ten kei­ne kran­ken Men­schen sind. Sie sind sogar rela­tiv gesund. Der Mensch im Wach­ko­ma ist nur in einem ande­ren Zustand, in einer ande­ren Dimen­si­on. Man muss des­halb ver­su­chen, die non­ver­ba­le Spra­che der Wach­koma­pa­ti­en­ten zu ler­nen. Eine Bezugs­per­son ist mit der Zeit gut in der Lage, mit dem Men­schen im Wach­ko­ma zu kom­mu­ni­zie­ren. Wach­koma­pa­ti­en­ten mer­ken alles, sie bekom­men alles mit, sie hören alles und spü­ren auch alles. Das darf man nie­mals ver­ges­sen.“

Im Anschluss an die The­ra­pie in Berg­neu­stadt — oder zu einem spä­te­ren Zeit­punkt – bie­tet der Ver­ein auch drei­mal im Jahr für jeweils zwei Wochen Was­ser­the­ra­pi­en in Win­ter­berg an. Zwi­schen 12 und 15 Pati­en­ten erhal­ten jeden zwei­ten Tag die Gele­gen­heit, in 35 bis 36 Grad war­men Was­ser zu baden und dort auch Cra­nio-Sacra­le The­ra­pie, Logo­pä­die und Phy­sio­the­ra­pie zu erfah­ren. Für die Ange­hö­ri­gen gibt es eben­falls The­ra­pi­en und Gesprächs­krei­se, weil vie­le Ange­hö­ri­ge die­se Unter­stüt­zung ein­fach brau­chen.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen gibt es unter www.piw-ev.de

Text: F. Mül­ler
Foto: Pixabay